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Mein Indisches Come Back

Seit langer Zeit hatte ich heute mal wieder einen richtigen indischen Sonntag verbracht. Den Morgen habe ich mit einer ausführlichen Interpretation der fünf Tibeter begonnen, umsprenkelt mit ein paar anderen Yoga-Übungen. Dann gab es einen frisch aufgebrühten Taj Mahal Schwarztee mit einer kleinen Packung Tiger-Kekse. Und gegen zehn Uhr habe ich mich schließlich in die Riksha gesetzt in Richtung Shanivarvada. Dort konnte ich mich noch ein wenig in der Sonne wärmen, bevor mich die Jyotsna mit dem Moped abgeholt hat. Kreuz und quer durch's Gassengewimmel ging es dann zu ihr nach Hause, denn ihre Eltern hatten mich zum Mittagbrot eingeladen, um endlich mal die verrückte deutsche Kollegin ihrer Tochter kennenzulernen. Und es war toll!

Als ich im Januar nach Indien kam, hatte ich insgeheim gehofft, genau so zu wohnen wie Jyotsnas Familie. Das Mehrfamilienhaus ist nur über einen vier Meter breiten Sandweg erreichbar, weit entfernt von der Hauptverkehrsstraße. Vor dem Grundstück ist ein kleiner Basketballplatz, auf dem Kinder herumtoben können. Die anderen drei Seiten des Hauses sind von anderen zwei- bis dreistöckigen Wohnhäusern umgeben. Wenn man will, kann man sich aus dem Fenster lehnen und seinen Nachbarn zuwinken. Wenn man nicht will, kann man im Sichtschutz der Bäume und Sträucher vor sich her trudeln. Einige Gewächse, die überall zwischendrin wachsen und ein zwitscherndes Zuhause für Vögel bieten, hatte ich noch nie zuvor gesehen, so z.B. den Baum der Jackfruit, eine lustige Gurken-Stachel-Frucht. Bei Jyotsna ist alles so schön grün und die Luft ist so viel klarer als in der versmogten Innenstadt ... oder auch bei uns im modernen Viman Nagar. Und man fühlt sich wahrscheinlich nie allein, weil die Wohnungstüren zum Treppenhaus hin häufig offen stehen ... wie in einer großen WG - als Einladung zum Plausch unter Nachbarn.

Wie gewohnt durfte ich erst einmal im Eingangszimmer Platz nehmen. Das ist der erste Raum, den ein Gast in einer indischen Wohnung sieht, und meist auch der einzige für die nächsten ein, zwei Stunden. Wie auch schon bei anderen Kollegen, die mich eingeladen hatten, stand hier eine reich mit Kissen bedeckte Lümmelcouch. Als Gast durfte ich es mir darauf schön bequem machen, umrahmt von meinen Gastgebern. Ständig wurde mir Wasser nachgeschenkt und ein kleiner süßer oder herzhafter Snack als Überbrückung bis zum Mittagessen gereicht. Von draußen konnten wir die spielenden Kinder, bellende Hunde und klapperndes Kochgeschirr hören. Ein bißchen wie zu Hause.
 
Nach den üblichen Small Talks über "My first time in India", "Where does your father work" etc. wurden dann die Fotoalben herausgekramt, darunter auch welche vom letzten Urlaub in Kerala. Sollte ich noch einmal nach Indien kommen, was ich doch sehr starkt hoffe, dann werde ich hoffentlich auch ein paar Tage in Kerala verbringen können. Schon Arundhati Roy hat mich mit ihrem "Gott der kleinen Dinge" auf diesen indischen Bundesstaat neugierig gemacht. Nachdem ich nun auch noch all die wundervollen Landschaftsbilder gesehen habe, wird ein persönlicher Besuch immer mehr zur Herzensangelegenheit ... 

Den Fotos folgten Videoaufnahmen, für die extra der Laptop des Onkels herbeigeschafft worden war. Und ich lernte meine kleine, unscheinbare Jyotsna von einer ganz neuen Seite kennen: in den Filmaufnahmen entpuppte sie sich als hervorragende, liebreizende Tänzerin. Sie hat mir zwei ihrer Aufführungen gezeigt, in denen sie selbst nordindischen Kathak tanzte, während ihre Cousine parallel dazu den südindischen Tanz Bharatnatyam aufführte. Und so wurden zwei ganz verschiedene Tanzstile in einem Musikstück vereint. Der eine, Kathak, ist weich und verführerisch. Der andere, Bharatnatyam, in dem ich selbst auch mal zwei Wochen Unterricht genommen hatte, ist kraftvoll und akurat. Ich war echt beeindruckt ob der Perfektion, die man nach frühestens acht langen Lehrjahren erreichen kann, wie mir Jyotsna schnaufend anvertraute. 

Und dann war das Essen fertig, von einer Heinzel-Mutti in der Küche zubereitet. Auf dem Boden wurden Sitztücher ausgebreitet und Metallteller in unterschiedlichsten Größen gedeckt. Jyotsna verschwand immer wieder in der Küche, um mit einem Topf oder einem Becherchen wieder aufzutauchen und die Spezialitäten löffelweise auf die Gedecke zu verteilen, bis ein leckerer Thali entstanden war: mit Turmeric-Reis, Kokos, Koriander, Ghee, verschiedenen Chutnis und Gemüsezubereitungen und natürlich auch Chapatis. Als letzte "Tischdekoration" malte Jyotsna noch an jeden Sitzplatz mit Sand eine kleine bunte Blume auf die Bodenfliesen - eine Kunst, die als Rangoli bezeichnet wird und die man in Indien sehr häufig an den Eingängen von Häusern und Tempeln findet.

 

Es war köstlich! Natürlich. Das wird keinen von Euch überraschen. Ich bin wirklich etwas traurig, dass ich es in sechs Monaten nicht geschafft habe, indische Gerichte zu lernen. Wie gerne würde ich all die leckeren Sachen nachkochen können, um mir in nostalgischen Momenten in Leipzig ein Stück Indien reproduzieren zu können. Zumindest bin ich im Besitz eines dicken, schweren Kochbuches ... Mal sehen, was ich davon alles umsetzen kann ... und vor allem welche Zutaten in Leipzig für mich erhältlich sind. Schon jetzt bin ich mitten in der Planung meines Gewürzschmuggels nach Deutschland.

Nach dem Mittagessen haben wir uns mit der Amruta zum Kino getroffen. Ich weiß nicht, was mich manchmal reitet, aber ich wollte unbedingt einen richtigen indischen Film sehen, gleichgültig ob er nun in Englisch, Marathi oder Hindi ist. Unsere Wahl fiel auf den in der Presse sehr gut besprochenen Film "Sanai Chaughade", eine sozialkritische Tragikomödie über arrangierte Hochzeiten in Maharashtra. Und nun die Überraschung: ich habe tatsächlich fast alles verstanden. Auf das indische Kino ist Verlass: dank der stark ausgeprägten Mimik und Gestik indischer Schauspieler, dank des äußerst theatralischen Einsatzes von Musik, aber auch dank der Invasion der englischen Sprache in indische Muttersprachen war es für mich leichter als gedacht, der Handlung zu folgen. Lediglich an zwei Stellen brauchte ich die Hilfe meiner beiden hochqualifizierten Übersetzerfreunde.

Wer im Kino war, setzt sich danach meist noch gerne zusammen, um den Film zu besprechen. Das ist in Pune nicht anders als in Leipzig. Und so sind wir mit dem Moped ein paar Straßenzüge weiter zu einer super leckeren Eisdiele zum Cad-M-Essen gefahren. Cad-M ist eine Art Milchshake mit geschmolzenem Speiseeis und in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Ich habe mich natürlich für die Schokoladenvariante mit ganz viel frisch geriebenen Schokoladensplittern entschieden - ein Traum von einer Sünde! Eine echte Konkurrenz für mein Mango-Mastani! 

Ein Verdauungsspaziergang führte uns am Mutha-River vorbei. Auf seinen Brücken sitzen am Abend die Liebespärchen auf den Bordsteinkanten, versteckt hinter ihren Motorrädern, die hervorragenden Sichtschutz gegen die misstrauischen Blicke der "Alten" bieten. Wir haben uns zwischen sie gesetzt und uns die Zeit bis zum nächsten Höhepunkt des Tages vertrieben: eine Tanzaufführung, die traditionellen indischen Tanz mit der Moderne verbindet - in Indien immer noch sehr, sehr selten.

Im ersten Teil wurden hauptsächlich konventionelle Bharatnatyam-Stücke über Rama und Krishna aufgeführt - und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen, was für mich ganz neu war, die ich bisher nur Frauen habe tanzen sehen. Der zweite Teil dann war eher moderner Ausdruckstanz, der sich auch mit modernen Themen beschäftigte ... und das war wiederum für Jyotsna eine ganz neue Erfahrung. Besonders beeindruckt hat mich das letzte Stück, die tänzerische Umsetzung des Schicksals, als siamesischer Zwilling zu leben. Ich habe den Tanz als Kunstform bisher wirklich unterschätzt und verspreche Besserung!
22.6.08 21:06


Indian oder Indian?

Ob mit dem englischen Wort "Indian" ein Indianer oder ein Inder gemeint ist, erschließt sich oft erst aus der Situation, in der das Wort fällt. Der "Indian Way of Life" kann daher auch ganz unterschiedlich interpretiert werden, so er doch auf zwei verschiedenen Kontinenten stattfindet. Als wir Praktikanten an diesem Wochenende mal so richtig "Indian" sein wollten, sind wir deshalb Nummer Sicher gegangen und haben BEIDES nachempfunden, d.h. wir waren am Sonnabend indianisch und dann am Sonntag noch einmal indisch. 

Am Samstag hatten befreundete Franzosen zu einer originellen Cowboy- und Indianer-Party eingeladen. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wann und als was ich mich das letzte Mal verkleidet hatte. Umso größer war die Freude, dies endlich mal wieder tun zu dürfen, bevor ich verlerne, wie so etwas geht. Und so entstanden vier edelmütige Rothäute und zwei abenteuerlustige Cowboys in unserem Appartment, die den Ausflug in die Prärie mit einem (Anti-)Regen-Tanz begannen und dann auf klapprigen Riksha-Rössern in einer großen Staubwolke entschwanden. Im Saloon wurden wir schon von anderen Wild-West-Bewohnern unterschiedlichster Nationalität erwartet, mit denen wir die Friedenspfeife zur Knüpfung von Freundschaften rauchen konnten. Es war ein sehr unterhaltsamer Abend, an dem viel und ausgelassen getanzt wurde ... darunter auch à la Bollywood, denn wir hatten auch ein paar indische Indianer in unserer Gesellschaft, die auf IHRE Diskohits bestanden und uns entsprechend animierten: spring rechts, spring links, Arme hoch, Arme runter ... Ich habe Tränen gelacht!

 

Am Tag darauf folgte dann die Metamorphose zum Inder. Wir waren zur Hochzeit von einer Kollegin eingeladen worden - die Besorgung der hierzu passenden, indischen Festtagsgewänder hatte uns bereits die letzten zehn Tage in Schach gehalten. Fündig geworden sind wir letztendlich alle in ein und demselben Geschäft, im Varma, einem der teuersten Kleidershops in Pune überhaupt, aber für Europäer gerade noch bezahlbar. Die dort ersteigerten Schmuckstücke konnten nun auch ausgeführt werden: Irene, Sara und Renée trugen auf der Hochzeit farbenfrohe, bestickte Saris, während Vidya und ich uns für reicher verzierte Salwar Kameez' entschieden hatten. So festlich angezogen kamen wir uns alle wie Akteure in einem Bollywood-Film vor - auf dem Weg zum Fest waren wir dementsprechend DIE Sensation auf den Straßen.

 

Allerdings haben wir nicht die gesamte Hochzeitsprozedur miterlebt, sondern nur die so genannte "Reception Ceremony". Das ist der letzte Abend der Feierlichkeiten. An diesem sind alle Freunde, Kollegen, Nachbarn und sonstigen Bekannten eingeladen, um ihnen die Gelegenheit zu bieten, dem frisch gebackenen Brautpaar zu gratulieren. Für Reshmas Reception wurde eine große Bühne aufgebaut, reichlich dekoriert mit bunten Blumen, und Reshma selbst dann mit ihrem Mann in die Mitte gestellt. Vor der Bühne standen wie in einem Theater die Stühle der Gäste, die gruppenweise auf die Bühne kamen, Glüchwünsche aussprachen und ggf. Geschenke überreichten. Jeder Gast bzw. jede Gastgruppe wurde dabei gefilmt. Zum Abschluss wurde jeweils ein Halbkreis um das Paar gebildet und ein Foto geschossen. Allein auf diese Weise müssen an die 200 Fotos entstanden sein.

 

Nachdem auch wir Praktikanten an der Reihe gewesen waren, um zusammen mit Reshma im Rampenlicht zu stehen und ihr zu gratulieren, konnten wir entscheiden, ob wir zurück auf unsere Plätze gehen oder das Buffet stürmen wollten. Dieses war bestimmt an die 15 Meter lang und bot verschiedenste Spezialtäten aus Maharashtra. Natürlich habe ich wieder viel zu viel gegessen, was insofern verhängnisvoll war, weil bei einer Reception kein Tanz vorgesehen ist, bei dem man die überflüssigen Pfunde wieder abtrainieren könnte. Glücklicherweise mussten wir uns mit unseren dicken Bäuchen nicht in einer engen Riksha stapeln, sondern wurden von befreundeten Kollegen ganz komfortabel mit dem Auto nach Hause gefahren – mit Rahul Shwarmas beruhigender Verdauungsmusik im CD-Player.

1.6.08 17:37


Jungle Topped Matheran

Grüne Wälder, kilometerweite Ausblicke, Mucksmäuschenstille, ein selbst noch im Sommer moderates Klima und schließlich die höchste Affenpopulation in ganz Maharashtra – das ist Matheran, eine 800 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Bergstation, die, frei aus dem Marathi übersetzt, auch „Dschungel auf der Spitze“ heißt. Angelockt von diesem poetischen Namen haben wir, Irene, Vidya und ich, am letzten Samstag einen Ausflug hierher unternommen … voller Erwartungen.

Mit „Dschungel“ assoziierten wir, dass es in Matheran ziemlich urig zugehen müsse. Das kann ich im Rückblick auch gerne bestätigen. Denn unterwegs entdeckte ich überall verwilderte Wanderpfade und vernahm, ihnen folgend, die merkwürdigsten Tiergeräusche. Während nämlich Irene und Vidya mit einem Pferd durch die Gegend trotteten, schlug ich mich kurzerhand zu Fuß durchs Dickicht. Mit meiner Wasserflasche als Machete. Ohne maßstabgetreue Karte und ohne Kompass, also immer fein der Nase nach, was die Sache besonders abenteuerlich machte. Vor allem weil auch mein Handy gar keinen Empfang hatte, was ich zum Glück erst Stunden später merkte, als ich den größten „Dschungel“ schon hinter mir hatte.

So musste ich zwangläufig auf Abwege geraten – wie ein Rotkäppchen. Nur sind mir zum Glück anstelle des bösen Wolfes nur handtellergroße Schmetterlinge, flitzende Eidechsen und jede Menge in den Bäumen raschelnde, neugierige Affen begegnet. War schon ein komisches Gefühl, hinter oder neben sich ständig Bewegungen wahrzunehmen und sich beobachtet zu fühlen, ohne jedoch selbst Jemanden zu sehen. Es gab auch eine Vogelart, deren Gesang wie das Geräusch eines Handventilators begann und sich über einen Zahnbohrer bis hin zu einer Kreissäge steigerte – und zwar richtig laut. Ich habe den Burschen leider ebenfalls nie zu Gesicht bekommen.

Am schönsten aber in Matheran ist wohl die Stille – natürlich zwischen besagten Vogelsirenen. Wenn ich mich weit genug auf einen kleinen Pfad eingelassen hatte, stand ich zwischen großen, schattigen Bäumen und hörte wirklich erst einmal gar nichts. Nichts, nichts, nichts … außer dem Rauschen meines eigenen Blutes in den Ohren. Das hatte ich zum einen der Tatsache zu verdanken, dass Inder scheinbar nicht so gerne wandern wie Deutsche, sich folglich auch nicht so schnell freiwillig auf abgelegene Plätze einlassen würden, wo nicht doch mal von Zeit zu Zeit eine (handgezogene) Riksha vorbeikommt. Vor allem aber ist die Stille (und auch die reine Luft) dem Verkehrsverbot für alle Maschinen betriebene Fahrzeuge zu zollen.

Die einzigen Fortbewegungsmittel in Matheran sind Pferde und handgezogene Rikshas. Als Transportmittel für Lebensmittel und Baustoffe etc. werden vorwiegend Mulis, Ponys und Holzkarren eingesetzt. Die Karren werden dabei aus unerklärlichen Gründen nie von Lasttieren gezogen, sondern immer von jungen Burschen, angefeuert durch die Anwesenheit ihrer Teuersten, die fleißig mitmarschieren und die ganze Zeit dabei herumkichern. Ein Bild für die Götter!

Daneben gibt es auch noch die schniefende Matheran Hill Railway, die Matheran City mit dem nahe gelegenen Ort Neral verbindet, wo alle Regionalzüge aus Mumbai etc. enden. Aber ich glaube, der kurze Bummelzug ist so sehr mit einheimischen Touristen und Urlaubern überfüllt, dass er kaum für andere Zwecke als den Massentransport benutzt werden kann. Selbst im Frühzug sollen die Menschen schon wagemutig aus den Ein- und Ausgängen hängen, weil „drinnen“ kein Platz mehr ist. Wohl dem, der seinen Klammerreflex aus frühen Kindesjahren in sein Erwachsenendasein hinüberretten konnte und dank dessen nicht aus dem Zug gedrängt werden kann auf dem Weg zum „Dschungel auf der Spitze“.

Wer dagegen ein Auto hat, wie wir glücklicherweise, der kann bis ganz nah an Matheran heranfahren … Die Straßen sind allerdings nur knappe drei Meter breit und die Seite zum Abhang hin natürlich nicht gesichert. Mir blieb nichts anderes übrig, als am laufenden Band zu beten, dass kein Gegenverkehr kommen möge und dass Kupplung und Bremse unseres Wagens den letzten indischen TÜV bestanden hätten – falls es etwas wie ihn überhaupt gibt. Trotz der schönen Landschaft um mich herum musste ich oft genug die Augen schließen …

Doch wer die Schwindel erregende Serpentinenfahrt einmal hinter sich gebracht hat, wird auf der „Spitze“ mit „Spitzen“-Aussichten und für Indien ganz untypischen, niedrigen „Spitzen“-Temperaturen belohnt. Zum einen gibt es auf dem Plateau von Matheran mehr als 38 Aussichtspunkte, deren Ausblicke sich zwar alle ähneln, aber allein schon die Verbindungswege zwischen ihnen lohnen sich wegen der Ursprünglichkeit der Wälder. Zum anderen wird es in Matheran selten heißer als 30°C, weil ein angenehmer Höhenwind weht und die dichten, alten Bäume in ihrem Schatten die Luft schön frisch halten. Ich habe bei einem Picknick zum ersten Mal seit laaanger Zeit im T-Shirt wieder gefroren. Wir müssen um die 23°C gehabt haben. Herrlich!

Ich habe mir mal den Spaß gemacht, meine Fotos vom letzten Samstag mit denen im Internet unter Google-Bildsuche zu vergleichen – man könnte meinen, die Google-Fotografen und ich hätten zwei verschiedene Orte besucht. Denn natürlich findet man online fast nur Bilder während bzw. kurz nach der Regenzeit, wenn alles so unglaublich grün ist, dass man sich tatsächlich in einem „Dschungel“ glaubt. Hier gibt's mal eben ein Beispielfoto ohne Copyright-Angabe ;-)

In nicht mal einem Monat werden die derzeit ausgetrockneten Reisfelder um Matheran herum alle bebaut sein, von den Bergen werden sich Wasserfälle stürzen, die Bäume und Büsche werden blühen und das Kennzeichnendste: käme ich im Juni noch einmal nach Matheran, wären meine Schuhe nicht länger vom Staub der Gehwege verfärbt, sondern ich könnte auf grünem Moos laufen. Wirklich, ich und meine Kleider sahen aus, als hätte ich in die Asche aus unserem Rehagener Kachelofen gepustet. Über den ganzen Körper verteilt hatte sich ein feiner, rostfarbener Film gelegt – allein das Bad nach meiner Dusche zu putzen, beanspruchte 20 Minuten. Der Staub wird mich wohl auch noch einige Tage lang an unseren Matheran-Trip erinnern können.

8.5.08 17:25


Mumbai’s Gesichter

Alles, was ich bis vor kurzer Zeit über Mumbai wusste, lässt sich in sieben Sätzen zusammenfassen. Erstens: Mumbai hieß mal Bombay. Zweitens: Mumbai ist eine Gigastadt. Drittens: Die Hälfte der Mumbaikars lebt in Slums. Viertens: Mumbai hat nie eine Stadtplanung gesehen und ist dementsprechend chaotisch. Fünftens: Mumbai’s Politiker sind berühmt für ihre Bestechlichkeit. Sechstens: Mumbai ist in ganz Indien die Stadt mit der größten Luftverschmutzung. … All diese Dinge hatte ich irgendwann mal während meines Abiturs in Politische Weltkunde gehört. Seit ich „Shantaram“ von Gregory David Roberts gelesen hatte, wusste ich darüber hinaus, dass sich, siebtens, die Drogendealer, Waffenhändler und Sextouristen in Mumbai ganz wohl zu fühlen scheinen. 

Vor diesem Hintergrund war es von mir fast schon ein bisschen verrückt, meine mühsam herausgearbeiteten freien Tage mit Sara ausgerechnet in Mumbai verbringen zu wollen. Und doch erwies sich dies als eine meiner besten Ideen überhaupt, seit ich in Indien bin. Denn ich habe in Mumbai sehr eindrucksvolle, sehr intensive Tage erlebt, die ich nicht mehr missen möchte. Und ich habe glücklicherweise auch mein Bild von der Stadt revidieren können. Denn Mumbai ist sehr, sehr viel mehr als eine Stadt großer Armut und sozialer Ungerechtigkeit!

Deshalb füge ich meinem Brainstorming zur Stadt schnell noch ein paar Punkte hinzu. Achtens: Mumbai ist eine Welt- und Universitätsstadt. Neuntens: In Mumbai leben Menschen verschiedenster Nationen und Religionen friedlich mit- und nebeneinander. Zehntens: In Mumbai und Umgebung stehen hunderte alte Kulturdenkmäler, historische und religiöse Bauten. Elftens: In Mumbai gibt’s feinste Restaurants und Cafés. Und zwölftens: Mumbai ist ein Shoppingparadies. 

 

Für die Reise von Pune nach Mumbai hatten wir uns die Deccan Queen auserwählt, einen „Schnellzug“, der die Strecke von rund 400 km in gut dreieinhalb Stunden zurücklegt. Das erste, was wir von unserem Reiseziel mitbekamen, war eine Horde wilder Männer, die ihre Dienste als Gepäckträger anboten. Wie Räuber stürmten sie unseren Waggon, kaum dass wir im Bahnhof von Mumbai eingefahren waren und noch bevor überhaupt ein einziger Fahrgast aussteigen konnte. Das erste, was ich von der Stadt begriff, war deshalb auch, dass hier alles verkauft wird, womit man Geld machen kann, und dass dabei selbst die kleinste Nische schon hart umkämpft ist. Die „freiberuflichen“ Gepäckträger waren nur der Anfang. Später sollte ich sogar in den Straßen Kinder treffen, die mir anboten, mich für zwei Rupien auf ihre kleinen rostigen Hauhaltswaagen zu stellen, um mein Gewicht zu messen. Ich habe auch einen Jungen gesehen, dessen Geschäft das Ohrenputzen war. Unglaublich.

Es brauchte eine Weile, bis sich das Chaos in unserem Zugabteil gelichtet hatte und wir wieder treten konnten. Als dann auch ich endlich all den Gepäckträgern nach draußen folgen und von unserer Queen den halben Meter hinunter auf Mumbai’s Bahnsteig Nr. 14 springen konnte, bemerkte ich anhand des Klimas augenblicklich unseren Ortswechsel: die Hitze in Mumbai ist nicht so trocken wie in Pune, sondern aufgrund der Meeresnähe sehr, sehr schwül. Innerhalb weniger Minuten gingen Körper und Kleidung eine klebrige Symbiose ein und mein Pony legte sich in langen, nassen Streifen auf meine Stirn. Der Schweiß tropfte von meinem Kameez direkt in meine Schuhe. So etwas hatte ich echt noch nie erlebt. Selbst ein guter, finnischer Sauna-Gang schafft es gewöhnlich nicht, mich so schnell buchstäblich aus der Form zu bringen. Da half nur, mir immer wieder zu sagen, dass ich nicht in Mumbai sei, um schön auszusehen, sondern um mir die Stadt anzugucken … Anders hätte ich mich nicht mehr unter Leute getraut.

Und so verließen wir den Bahnhof. Und erst da wurde mir bewusst, wie wunderschön er war: Victoria Terminus oder auch Chhatrapati Shivaji Terminus ähnelt mit seinen Türmchen und Säulen mehr einem Palast als einem Bahnhof. Als ahnungsloser Passant würde ich hinter der Fassade des Bahnhofs wohl eher den Bürgermeister vermuten als eine Menge verschwitzter Reisender. Die Sara sagte mir dann auch, dass der Chhatrapati Shivaji Terminus nach dem Taj Mahal der am zweithäufigsten fotografierte Bau in Indien sei.

Nachdem ich mich am Bahnhof satt geguckt hatte, konnten wir unseren fünfzehnminütigen Fußmarsch zum Hotel beginnen und erneut staunen: Denn die Portugiesen und Briten haben in den letzten dreihundert Jahren überall in den inneren Stadtbezirken ihre Spuren hinterlassen. Der Einfluss der „verspielten“ orientalischen Architektur auf ihre Kolonialbauten ist dabei nicht zu übersehen. Viele Gebäude verfügen über lange Säulengänge, die den Fußgänger vor der brennenden Sonne schützen. Am Abend kann ich mir in Mumbai kaum etwas Romantischeres vorstellen, als hier entlang zu flanieren und das Schattenspiel der verzierten Torbögen zu beobachten. Die indische Kultur füllt in Mumbai mehr und mehr die „europäischen Mauern“ und lässt dadurch wunderschöne, märchenhafte Straßenbilder entstehen.

Die Säulengänge bieten zudem zahlreichen Händlern einen gut frequentierten „Verkaufsraum“. Dabei werden oft genug einfach nur Decken auf dem Boden ausgebreitet und die Waren darauf ausgeschüttet. Die Kunden setzen sich dann meistens mit runter zu den Händlern und dürfen dann nach Herzenslust wühlen, bis sie was gefunden haben. Unser Hotel war gefährlicherweise umgeben von solchen Wühl-Basaren, so dass es jedes Mal von neuem eine Herausforderung war, nicht schon im eigenen Stadtbezirk stecken zu bleiben, wenn wir irgendwo hingehen wollten. Aber was rede ich von „hingehen“. Natürlich meine ich: „hinfahren“. Denn Mumbai ist viel zu groß, um es zu Fuß zu entdecken.

Der Verkehr erinnert dabei lustigerweise an London. Denn auch in Mumbai fahren die für die Briten so typischen roten Doppeldecker-Busse. Allerdings haben die Busse hier noch den abenteuerlichen offenen Ein- und Ausstieg an der hinteren linken Fahrzeugecke, der mittlerweile in Großbritannien verboten ist. Und auch die Taxis sehen denen in London sehr ähnlich. Sie haben die Rikshas komplett aus dem Stadtbild verdrängt, wahrscheinlich auch zum Schutze der Passagiere selbst, denn der Verkehr ist in Mumbai noch hektischer, noch schneller, noch unübersichtlicher als in Pune … und daher für wackelige Dreiräder wahrscheinlich schlichtweg zu gefährlich.

 

Unsere erste Taxifahrt in Mumbai führte uns einmal quer durch die Innenstadt zum Chor Market, auch als Thieves Market bekannt, weil hier früher viel Gestohlenes umgesetzt wurde. Mittlerweile ist der Chor Market eine wahre Fundgrube für den Antiquitäten-Liebhaber. Von der alten Buddha-Statue über Maschinenzubehör aus Kolonialzeiten bis hin zum Grammophon kann hier alles erworben werden. Am besten nimmt sich der Bummler einen ganzen Tag Zeit, um all die Geschäfte zu durchstöbern. Sie sind meistens so vollgepfropft mit kleinen Schätzen, dass selbst ein einziger Quadratmeter genug Material bereithält, um mit der Sichtung eine viertel Stunde beschäftigt zu sein.

Viele Händler besitzen zudem über ihrem eigentlichen Ladengeschäft noch irgendwo im zweiten oder dritten Stock des Wohnhauses einen Lagerraum, in den sie besonders interessierte Kunden gerne zum Gucken und zu einer Tasse Tee einladen. Wer es so weit geschafft hat, kann bei dieser Gelegenheit oft besonders gute „Freundschaftspreise“ heraushandeln. Aber im Grunde lohnt sich allein schon der WEG zu den vollgekramten Warenkammern, denn er erlaubt Einblicke in alltägliche Wohnszenen der Mumbaikars. Häufig stehen nämlich wegen der großen Hitze die zweiflügeligen, reich verzierten Wohnungstüren zu den Treppenhäusern hin offen, so dass hier und da mal ein verstohlener Blick in das Innere der Wohnungen möglich ist.

Wer den Film „Marrakesh“ gesehen hat, wird sich in die eine oder andere Szene hineinversetzt fühlen: niedrige Sitzliegen, überall bestickte Teppiche, Kissen und Decken, kleine Altäre und Tee-Tischchen, reich verzierte Lampen, stehende wie hängende, überall herumliegende Gebrauchsgegenstände … Ein Auge kann so viele Details auf einmal gar nicht wahrnehmen. Die Wohnungen sind fast schon ein bisschen wie die Bazare unter ihnen im Erdgeschoss …

Wer ausreichend Geduld (und Freigepäck) hat, kann sich wohl auf dem Chor Market originell und preisgünstig seine gesamte Wohnung einrichten. Wer aber wie die Sara und ich nur auf der Durchreise ist und wahrscheinlich schon jetzt bei der Heimreise die Grenze von 20 kg Fluggepäck überschreiten wird, der muss seine Andenken besonders sorgsam auswählen. Für den ist der Chor Market eine schlimme Versuchung. Meine Taktik war irgendwann mir einzureden, dass er eigentlich nur ein großes Freilicht-Museum sei, in dem ich alles mal anfassen dürfe, aber dann wieder zurück an seinen Platz legen müsse … mit mehr oder weniger Erfolg: zehn der Porzellanknöpfe, liebe Christel, die Du da auf dem Foto siehst, würden z. B. gut zu Deinem neuen Bad passen und liegen nun auf meinem Bett, obwohl sie bestimmt alle zusammen drei Pfund wiegen.

Ich war froh, dass irgendwann der Hunger kam und mich auf andere Gedanken brachte. Und so schlängelten wir uns durch die engen Gassen zurück auf die Mohamed Ali Road, der Lebensader des muslimischen Districts rund um den Chor Market. Moscheen und kleinere Gebetshäuser gehören hier zum normalen Straßenbild. Überall sind die Geschäfte in drei, vier Sprachen überschrieben: in Englisch, Marathi, Hindi und Arabisch. Das Paradies für mich. Eine Bäckerei gesellte sich neben die andere, Obst- und Gemüsehändler reichten sich die Hand und die zahlreichen kleinen Snack-Bars stellten uns vor die Qual der Wahl. Schließlich ließen wir uns auf kleinen Holzhockern neben einer Open-Air-Küche nieder, die mehrere Terrinen anbot und sich bei uns durch eine lange Schlange wartender Menschen qualifizierte: „Wo viel los ist, muss es auch gut schmecken“ … Die Rechnung ging auf – es war köstlich! Der alte Standbesitzer schwirrte die ganze Zeit stolz um uns herum und freute sich mit uns, wie sehr es schmeckte.

Oh, ich ertappe mich schon wieder dabei, wie ich so viel von den kulinarischen Feinheiten Indiens spreche! Da beichte ich Euch am besten auch gleich noch meine neueste Leidenschaft, damit ich das Thema abschließen kann: rote Datteln! Ich möchte behaupten, dass sie mindestens so köstlich sind wie Deine, liebe Linda, die Du immer bei Dir im Bio-Markt kaufst. Wenn ich im Mai heimkomme, bin ich deshalb mal für einen kleinen Concours de Dattes! Sollten sich dann meine indischen Datteln tatsächlich als Sieger erweisen, bringe ich Dir zum Trost auch gerne im Juli ein paar Kilogramm als Vorrat mit – vielleicht mag dann ja sogar auch Euer Murkel schon mal eine lutschen ;-)

 

Sc
hließlich haben wir unseren ersten Mumbai-Tag am westlich gelegenen Marine Drive ausklingen lassen. So saßen wir zwischen Mumbaikars und Touristen auf dem Uferstreifen zur Arabischen See, haben die Beine baumeln und die Eindrücke der letzten Stunden noch einmal Revue passieren lassen, dabei dem Sonnenuntergang bei seinem Farbspiel beobachtet und uns die Haut von der Meeresbrise streicheln lassen … bis wir eine Gänsehaut hatten und nach Hause geschlendert sind. So gut wie an diesem Tag hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen!

 

Am nächsten Tag klingelte der Wecker schon um sechs Uhr dreißig, da wir das allererste Schiff nach Gharapuri kriegen wollten. Wenn die Hitze so groß ist wie am letzten Wochenende in Mumbai, fängt der frühe Vogel nicht nur den Wurm, d.h. den Platz mit der schönsten Bootsaussicht, sondern umfliegt auch die Gefahr eines zwitschrigen Sonnenstiches. Und so gehörten wir zu den ersten Besuchern des Gateway of India und des dazugehörenden Hafens. Was man auf dem Foto nicht so gut erkennen kann, ist, dass der Gateway of India ein riesiger Steintorbogen ist – ähnlich dem Arc de Triomphe in Paris. Es liegt im Auge des Betrachters, ob man in ihm den zeremonialen Eingang zum indischen Subkontinent sieht, der 1911 für King George V und Queen Mary gebaut wurde … oder aber den Ausgang zum Abenteuer verheißenden Indischen Ozean, über den man z. B. nach eineinhalb schaukelnden, schäumenden Stunden die Insel Gharapuri erreicht. Ich bin ja eher für die letzte Variante ;-)

 

Gharapuri wird auch Elephanta Island genannt. Die Insel ist Heimstatt der legendären Elephanta Caves, Höhlentempeln, die wahrscheinlich im fünften Jahrhundert vor Christus in den Felsen geschlagen wurden. An Elefanten erinnert auf Gharapuri heute nicht sehr viel mehr als die Geschichte von den Portugiesen, die auf der Insel, als sie sie das erste Mal betraten, einen großen Steinelefanten aufragen sahen und ihn unbedingt mitnehmen wollten. Natürlich war er für ein Boot aus dem 16. Jahrhundert viel zu schwer – die Mission scheiterte und der Elefant versank im Meer. Mittlerweile wurde er geborgen, aber leider nicht an seinen ursprünglichen Platz zurückgebracht, sondern im Zoo von Mumbai aufgestellt.

 

Aber der Name ist geblieben. Und die Höhlen sind auch ohne ihren thronenden Elefanten auf jeden Fall noch eine Reise wert! Es läuft einem der Schauer über den Rücken, wenn man sich vorstellt, dass die Portugiesen die Höhlen hier für Schießübungen genutzt haben. Nicht auszumalen, wie schön der Anblick der alten Statuen und Ornamente sein könnte, wenn nur der Zahn der Zeit an ihnen genagt hätte und kein Patronenhagel. Doch selbst in ihrem jetzigen Zustand konnten sie Sara und mich verzaubern und uns z. T. zum Gruseln bringen, wenn sie so im Halbdunkeln der Höhlen recht schaurige Schatten warfen und ich froh war, nicht allein zu sein. Bei der 20 Fuß hohen Darstellung von Lord Shiva mit seinen drei bzw. vier Gesichtern hatte ich sogar manchmal das Gefühl, die Augen würden uns verfolgen. … Irgendwie hat die Stätte noch gelebt – ich kann mir nicht helfen. Nicht umsonst sollen hier auch André Malraux und Auguste Rodin ins Schwärmen geraten sein.

 

Als die Affen, angespornt durch die Sonne im Zenit, immer unverschämter wurden und jedes Tütenrascheln zum Anlass für einen Angriff nahmen, Sara und ich aber gleichzeitig durch die frische Seeluft immer träger und hilfloser wurden, haben wir den Heimweg angetreten. Obwohl wir auf den Holzbänken des Bootes diesmal ein wesentliches unattraktiveres Bild abgegeben haben müssen als noch auf der Hinfahrt, waren wir auch dieses Mal wieder die größte Attraktion auf dem Boot: Selbst in einer Stadt wie Mumbai werden Europäerinnen immer noch wie seltene Juwele angeschaut und Jeder möchte mit ihnen auf einem Foto abgebildet sein.

 

Insgesamt hatte ich zwei fremde Babies auf dem Arm und war sicherlich von mindestens drei jungen Kerlen „die spannende Urlaubsaffäre während des letzten Großstadtbesuches“ – wer weiß, was die zu Hause für Geschichten erzählen. Aber ich selbst fotografiere auch zu gern die indischen Menschen. Wie hätte ich ihnen da den Spaß verwehren können, wenn sich der Spieß mal umdreht? Also habe ich brav mitgespielt und trotz zentnerschwerer, müder Augen mein schönstes Lächeln präsentiert. Ha, vielleicht ist das ja der Start meiner Öko-Model-Karriere? ;-)

Zurück in Mumbai, nach einem trödeligen Spaziergang im Stadtbezirk unseres Hotels und kurz vor dem Schlafengehen haben wir uns dann noch einen Ausflug ins MOKKA gegönnt, einer Alternativ-Bar, in der ich nach langer, langer Zeit endlich mal wieder Chicha, Wasserpfeife geraucht habe, ganz klassisch mit Apfelgeschmack. Das Brubbeln in der Lunge tat gut, die kleinen arabischen Snacks, die es dort gab, taten gut, die Atmosphäre eines nordafrikanischen Kaffeehauses tat gut. Alles war so wunderbar entspannend – ein perfekter Tagesabschluss.

 

Der nächste Tag begann mit einer Unternehmung, die an den arabischen Abend vom Vorabend anschloss: Wir gingen zum Haji Ali Dargah, einer lang gestreckten Landzunge im Westen von Mumbai, auf dem eine alte Moschee steht. So richtig habe ich bis zum Schluss nicht verstanden, ob die Moschee nun tatsächlich noch muslimisch ist oder ob sie mittlerweile von den Hindus als Gotteshaus genutzt wird. In meinen Augen haben sich hier beide Religionen ununterscheidbar vermischt. Jedenfalls habe ich Angehörige beider Religionsgruppen gesehen. … Nach einer kurzen Besichtigung von der „Frauenseite“ aus haben wir es uns natürlich in der Medina bequem gemacht und einen Chai getrunken – so wie ich es von der Grande Mosquée in Paris gewohnt bin. Ich glaube, so fühlt es sich an, wenn man in Marokko ist. … Wenn ich aus Pune zurück bin, muss ich nach Marokko! Wer kommt mit?

 

Dem Ausflug in die (vermeintlich) muslimische Welt folgte ein Besuch des Jain-Tempels auf dem Malabar Hill, scheinbar der Noble Suit Area von Mumbai. Es gibt dort viele extravagante Häuser und Parks – und mittendrin den Walkeshwar-Tempel, für mich ein architektonischer Juwel. Ich könnte Euch dutzende Fotos schicken und es trotzdem nicht schaffen, die Detailfreude der Erbauer zu visualisieren. … Die Betenden liefen alle mit Mundschutz herum und trugen kleine Opfergaben auf bronzefarbenen, metallenen Tellern vor sich her. Die bedächtige Stille innerhalb der Mauern, unterbrochen nur vom Läuten der mal hellen und mal dunklen Glocken an den Tempeleingängen, hat einen bleibenden Eindruck in mir hinterlassen. Einfach nur schön!

 

Um die Tour durch die indischen Religionen fortzusetzen, führte uns schließlich ein kurzer Fußweg durch versteckte, kieselige Straßen zum Bauganga Lake, der ältesten Kultstätte der Hindus in Mumbai. Der See ist nicht groß, vielleicht fünfzehn Meter breit und dreißig Meter lang, aber dafür umso heiliger für die Hindus. Der Legende zufolge hat Lord Ram mit einem seiner Pfeile den Boden aufspringen und an dieser Stelle das Wasser des mehr als 1000 Meilen entfernten heiligen Flusses Ganges heraussprudeln lassen. Seitdem finden hier rituelle Waschungen statt, ähnlich wie vor dem Taj Mahal selbst. Ein Dutzend Treppenstufen führen von den umliegenden Häusern zum quadratisch angelegten See. Die Quelle wird von den Anwohnern und Badenden streng vor Verschmutzungen bewahrt. Schuhe sind z.B. in Wassernähe absolut verboten.

Nach einer langen Dusche und einem kurzen Mittagsschlaf in unserem rajastanisch eingerichteten Hotel haben wir dann erneut die Schuhe geschnürt und sind zum Crawford Market aufgebrochen. Hier werden im Gegensatz zum Chor Market Waren des modernen Lebens feilgeboten: Es gibt Früchte und Gemüse, Kleider und Schuhe, Teppiche und Schmuck – der typische Orient-Basar eben. Auch genauso überfüllt, wie ich es aus dem Fernsehen kannte. Und genauso laut. Fast schon ein bisschen zu stressig nach einem Ausflug nach Malabar Hill. Darum sind wir auch nicht lange geblieben, haben nur einen Blick auf alles geworfen, das Marktschreier-Spiel mal für eine Stunde mitgemacht und dann zum Abschluss wunderbar saftige, süße Mangos gekauft.

In Maharashtra beginnt nämlich gerade die Saison für Mangos – und es wäre sträflich, diese nicht mitzuzelebrieren. Das ist genauso, als wenn man im Mai keinen Spargel essen würde. Und so habe ich, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich mein gutes, altes Schweitzer Taschenmesser im Gepäck habe, auch erstmal mit Alfonso-Mangos eingedeckt. Die Alfonso-Mango ist angeblich die Königin unter den Mangos und wirklich außergewöhnlich saftig und lecker, wie Sara und ich keine zehn Minuten später bestätigen konnten.Und schon brach der vierte und letzte Tag unserer Mumbai-Abenteuer an. Drum sind wir ein weiteres Mal richtig früh aufgestanden und zum legendären Fischmarkt der Kolis am Sessoon Dock gefahren. Noch als wir im Taxi saßen, mehr als 200 Meter vom Hafen entfernt, haben wir ihn schon gerochen. Wir mussten nun nur noch der Nase und den nassen, fischschuppigen Schuhspuren in den engen Gassen folgen, um zum aufgeregten Marktgeschehen zu gelangen. Rundherum wurden frisch gefangene große und kleine Fische aus den Netzen geschüttelt, hohe Schrimpshaufen von Schalen befreit, gewogen, in Zeitungspapier gepackt. Fischer, Händler, Köche, Privatleute – alle liefen sie bunt durcheinander. Und wir mittendrin, oft genug ein ärgerliches Hindernis für die vielen Fisch-Transport-Karren, die sich ihren Weg durch die Massen drängelten.

 

Etwas ruhiger ging es dann auf der anderen Seite des Hafens zu. Hier ankern die knarrigen Holzschiffe der Kolis, des Fischervolkes, das schon hier lebte, bevor die Portugiesen den Halbinseln den Namen Mumbai gegeben haben. Ihr Anblick im Gedächtnis und den Geruch ihrer Fische in unseren Shirts saßen wir nur wenige Stunden später schon wieder in der Deccan Queen zurück nach Pune … Es war ein toller Kurzurlaub!

16.4.08 15:53


Guripaduwa – ein frohes neues Jahr!

Heute haben die Menschen von Pune den Jahreswechsel gefeiert. Aufgrund der unterschiedlichen Zeitrechnung fällt der Neujahrstag in Maharashtra jedes Jahr auf ein anderes Datum und stimmt dadurch nicht mit „unserem“ Silvester überein oder vielleicht nur alle paar hundert Jahre mal. In den Straßen habe ich allerdings nicht viel von einem solchen Feiertag mitbekommen. Aufmerksame Augen konnten lediglich kleine Ketten aus einem weißen, flachen, süßen Gebäck sehen, die in einzelnen Geschäften angeboten wurden und die einige Menschen um ihren Hals trugen oder aber an ihren Fahrzeugen befestigt hatten.

Kollegen haben mir erzählt, dass sich am Guripaduwa die gesamte Familie trifft und zusammen kocht und isst. Ein Silvester, das daheim im Stillen zelebriert wird – ohne viel Knallkörper und Alkohol, wie wir es in Europa gewohnt sind. Es geht einfach nur ums Zusammenfinden. Das hat mir gefallen, wo ich ja auch eher zu den Silvestermuffeln gehöre als zu den Partylöwen. Außerdem sehe ich auch so genug Feuerwerke: fast jeden Abend brauche ich einfach nur aus meinem Fenster zu gucken, sobald es dunkel wird. Meistens wird in einem der Restaurants „vor unserer Haustür“ eine Hochzeit gefeiert – und das mit bunten Raketen, die weit, weit in den Himmel aufsteigen, so dass ganz Pune sehen kann: hier haben sich zwei Menschen gefunden oder sind gefunden worden.

In Pune, wie modern die Stadt auch sein mag, sind arrangierte Hochzeiten immer noch Gang und Gebe. Hat ein Sohn bzw. eine Tochter bis zu einem bestimmten Alter (zwischen 25 und 30 Jahren) nicht selbst einen Partner aufgespürt, ziehen die Eltern los und schauen sich im Bekanntenkreis um, ob da nicht noch was Nettes solo ist. Dann wird die erste Vorstellungsrunde im Hause der Eltern der jungen Frau abgehalten, wo diese ihrem potentiellen Mann Tee und Gebäck reichen darf und wahrscheinlich erstmal nicht so viel Gelegenheit haben wird, mit ihm persönlich zu sprechen. Als erstes lernen sich die beiden Elternpaare und der junge Anwärter kennen. Später kommt es gewöhnlich zu weiteren Treffen, wo die jungen Leute auch mal alleine sein dürfen und ausgehen.

Wenn sie sich mögen, gehen die Familien gemeinsam zum Astrologen und lassen sich anhand der Sternenkonstellation ein für sie günstiges Hochzeitsdatum errechnen. Liebe ist da erstmal nicht im Spiel. Ich habe mit einigen meiner Kolleginnen gesprochen, von denen viele überzeugt waren, dass die Liebe dann später in der Ehe kommt. Unvorstellbar für mich. Aber es scheint zu funktionieren, weil die wichtigste Säule ihrer Ehe der gegenseitige Respekt ist. Die meisten Paare sehen glücklich aus. Geheiratet wird dabei tatsächlich meist nur innerhalb der eigenen Kaste.

Aber zurück zum Guripaduwa. Sara und ich wollten diesen Tag eigentlich endlich mal im Osho Ressort verbringen, für das Pune so berühmt ist. Hier wird die Kunst des Meditierens und des Yoga gelehrt. Die Kurse finden alle hinter gut verschlossenen Türen statt. Das Areal ist bewacht wie ein Hochsicherheitstrakt. Außerhalb habe ich fast nur Weiße gesehen. Alle Schüler tragen bordeauxrote Kutten und die meisten von ihnen auch ein europäisches Gesicht. Selbst das Personal, das Besucher empfängt, ist europäisch. Mir kamen sofort Zweifel an der Authenzität dieses Etablissements. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei so viel Kommerzialisierung noch der Geist eines wahren Hinduismus in den Gemäuern herrschen kann. Vielleicht täusche ich mich auch. Jedenfalls war ich am Ende nicht ganz so enttäuscht, dass schon alle Karten für „Tagesbesucher“ ausverkauft waren …, wenn auch ich die legendäre Gartenanlage schon gerne gesehen hätte. Mal sehen, ob Sara und ich irgendwann noch mal einen zweiten Versuch starten.

Statt ins Osho zu gehen, waren wir dann in den umgebenden Straßen spazieren, wo sich eine Villa an die nächste reihte. Hier muss wohl die High Society von Pune leben, umgeben von viel Palmengewächs und anderem Grün und herrlichem Vogelgezwitscher. Und wahrscheinlich drehen sie hier auch mal die ein oder andere Bollywood-Filmszene. Passen würde es jedenfalls. Ein Erlebnis waren hier auch die alten, knorrigen Bäume, auf die selbst ich mal wieder klettern musste, weil da so viele Kindheitserinnerungen durchkamen. Irgendwie hatte ich das schon viel zu lange nicht mehr gemacht …

Schließlich habe ich mir als kleines Trostpflaster für meine Osho-Enttäuschung noch eine kleine handgefertigte Panflöte gekauft. So ist meine indische Musikinstrumentensammlung schon auf drei Unikate angewachsen. Neben meiner neuen Flöte besitze ich schon eine rajasthanische Handtrommel und eine wunderschöne Klangschale. Die natürlich alle uraufgeführt werden, wenn ich für Euch meine Dia-Show starte!

7.4.08 21:14


Conny im Erdbeer-Wunderland

Bestimmt habt Ihr auch ab und zu mal einen Traum, in dem einige Eurer Lieblingsspeisen eine wesentliche Rolle spielen. Ich z. B. träume im Frühsommer gerne von einer Badewanne voller Erd-, Blau- und Brombeeren, in der ich zwischen Stöpsel und gummiertem Nackenkissen mit weit aufgesperrtem Mund hin und her schwimme … – zum Glück wache ich immer an der Stelle auf, wo das Ganze noch Spaß macht und ich noch keine Bauchschmerzen habe.  

Vor diesem Hintergrund werdet Ihr verstehen, dass ich am Samstag das Gefühl hatte, eine Traumfabrik zu betreten, als ich das Schild “Welcome to Mahabaleshwar” hinter mir ließ. Denn hier gab es echte und unechte Erdbeeren in allen Größenordnungen: als Plakat, als Girlande, als Baumschmuck, als Gartenzaun, als Lampe und, was mich am meisten erfreute, als lange Kette von Händlern, die echte Erdbeeren zu großen Pyramiden gestapelt hatten und sie zum Verkauf anboten.  

Mahabaleshwar ist ein riesiges Bergplateau in den Western Ghats, denen man nachsagt, dass hier das ideale Klima für den Anbau von Erd- und Maulbeeren herrsche. Die Straßen waren flankiert von Erdbeerfarmen, die alle möglichen Produkte mit dem roten Leckerli anbieten, von der frischen Frucht über Shakes, Icecream und Cookies bis hin zu Bonbons und Sirup. Die entsprechenden Straßenabschnitte dufteten so betörend nach frischen Erdbeeren, dass mir der Kopf nur so schwirrte. Und in den Restaurants wurden uns als kostenlose Vorspeise Körbe mit Beeren gereicht, so dass danach kaum noch Platz genug im Bauch blieb für die eigentliche Mahlzeit. Ein Erdbeertraum eben … und keine drei Autostunden von Pune entfernt.  

Ziel war es aber nicht nur, einen roten Erdbeermund zu bekommen, sondern auch ein bisschen zu wandern. Und dazu gab es in Mahabaleshwar ausreichend Gelegenheit. Das Plateau hat insgesamt dreizehn Aussichtspunkte auf einer Fläche von 150 km2 – der höchste davon liegt in 1500 m Höhe – sechs davon haben wir erklommen. Ich weiß, dass Ihr, meine lieben Skifahrer, jetzt wahrscheinlich spöttisch schmunzeln werdet, da Ihr ganz andere Gipfelhöhen bezwungen habt, wenn auch nur runterwärts. Aber für mich war es hoch genug, um mal wieder ein bisschen ins Schwitzen zu kommen und die Aussicht zu genießen. Und um meinen ersten Brand von der Höhensonne zu bekommen … mitten auf der Nase und links und rechts davon – sehr dekorativ wie eine Ind(ian)er-Bemalung.

Überhaupt fühlte ich mich ein bissel wie im Dschungel. Denn in Mahabaleshwar wächst einer der wenigen immergrünen Wälder, die es noch auf unserer Weltkugel gibt, nicht zu verwechseln mit einem Urwald, aber trotzdem mit jeder Menge bunter Schmetterlinge, lustiger Vögel und … diebischer Affen! Ich hatte mich ja wirklich auf meine erste Begegnung mit einem wild lebenden Affen gefreut. Aber Kolba-Heiko, Du hast mir gar nicht gesagt, wie gefährlich das auch sein kann! … Erstmal sehen einen die Affen schneller, als wir sie bemerken – was noch nicht so außergewöhnlich ist. Die Situation gewinnt aber spätestens dann an Dramatik, wenn kleine Connys mit einem großen Walnusskuchen in freier Wildbahn ein Picknick machen wollen. Und um davon etwas abzubekommen, scheinen Affen nichts unversucht zu lassen und vergessen auch jegliche Menschenscheu.

Innerhalb von Sekunden war ich von einer Horde Affen umringt, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich mein Ruheplätzchen mit ihnen teile. Das war der Schreck der Woche. Und ich hatte ganz andere Gedanken im Kopf als “Ach, wie sind die niedlich!” Hier ging es um meinen Walnusskuchen, also fast ums Überleben. Instinktiv hielt ich meinen Arm so hoch wie möglich und rannte weg – total vergessend, dass ich hier nicht kleinen Kindern etwas verwehre, sondern Renn-, Spring- und Kletterkünstlern. Dementsprechend unbeeindruckt und siegesgewiss blieb der Ober-Affe. Für Außenstehende muss die Situation sehr lustig gewesen sein. So haben sich die guten Inder um mich herum auch erstmal Zeit gelassen und lachend ihren Spaß gehabt, bevor sie mir zur Hilfe eilten und die Affen verjagten. … Affen verscheucht man übrigens genauso wie Wildschweine: groß aufbäumen und laut brüllen – hätte ich das mal vorher gewusst. Ich bezweifle zwar, dass ich damit nicht ein ebenso lächerliches Bild abgegeben hätte, aber immerhin wäre meinem quälenden Fressneid früher ein Ende bereitet worden. ;-)

Auf den Schrecken gab es dann auch erstmal einen übersüßten, indischen Tee, so wie ich ihn mit meinen Kollegen in der Frühstückspause immer trinke. Der beruhigte. Auf einem nahe gelegenen Bergplateau waren wir dann aber trotzdem vorsichtshalber lieber mit einer Pferdekutsche unterwegs als zu Fuß. Die Fahrt zu den verschiedenen Aussichtspunkten erwies sich als sehr unterhaltsame Unternehmung. Ich fühlte mich nicht länger wie ein Dschungelkind, sondern mittlerweile wie ein Cowboy, der über Stock und Stein durch den Wilden Westen tuckelt – vor ihm nichts als ockerfarbener Sand und ein paar dörre Büsche und um den Ohren das Knallen der Pferdepeitsche. Nur die Büffel haben gefehlt. Stattdessen gab es aber jede Menge Mulis. Wer ausreichend Fantasie hat, kann in Mahabaleshwar tatsächlich Weltreisen unternehmen …

5.4.08 19:26


Gleich zweimal ein Fest der Farben …

Farben standen an diesem Wochenende für uns ganz groß auf der Tagesordnung, denn unser christliches Osterfest, an dem traditionellerweise Eier gefärbt und bunt bemalt werden, überschnitt sich mit dem indischen Frühlingsfest Holi. Holi ist das farbenfreudigste aller indischen Feste und gleichzeitig eines der ältesten überhaupt: schon Krishna soll Holi mit seiner Gefährtin Radha und den anderen Hirtinnen zelebriert haben. Es heißt, dass an diesem Tag alle Schranken durch Kaste, Geschlecht, Alter und gesellschaftlichem Status aufgehoben seien. Dementsprechend ausgelassen wird es gefeiert. Freunde und Bekannte treffen sich zum „Spiel“ auf den Straßen, jagen sich und besprengen bzw. bestreuen sich gegenseitig mit gefärbtem Wasser und gefärbtem Puder, dem Gulal. Wer als ahnungsloser Passant zwischen die Fronten gerät, wird gewöhnlich einfach fröhlich mit eingefärbt. Holi ist genau so ein Ausnahmetag wie Fastnacht. Da ist ja auch kein Schlips sicher. Der Einzelne hat zwangsläufig keine andere Wahl, als allen Unsinn mitzumachen.

 

Wie alle Feste in Indien ist auch Holi in seiner Bedeutung sehr vielschichtig. Im spirituellen Bereich vermittelt es die Botschaft vom Triumph des Guten über das Böse. In der Natur dagegen markiert es den Sieg des Frühlings über den Winter, denn das Fest beginnt mit dem Aufblühen der Natur. Ein wichtiger Punkt ist den Menschen auch der Versöhnungsaspekt, denn es heißt, dass man in diesen Tagen auch alte Streitigkeiten begraben soll. Deshalb werden am Vorabend zum Holi kleine Feuer auf den Straßen entzündet. In diesen verbrennen die Menschen eine Stroh-Figur der Dämonin Holika sowie als Opfergabe ein Stück eines ganz speziell für Holi gebackenen Brotes … und schließlich alte Sachen, alte Gedanken oder schlechte Erinnerungen. Holi hat jedoch auch eine Schattenseite und die liegt im übermäßigen Konsum vom sonst verpönten Alkohol und dem Rauschmittel Bhang. Viele Mädchen und Frauen trauen sich an diesem Tag nicht alleine auf die Straßen oder bleiben gleich ganz zu Hause. Besonders in Städten soll es immer häufiger zu Gewaltproblemen kommen. Daher bin auch ich am Samstag etwas vorsichtiger gewesen. Natürlich hat es mich gereizt, ganz nah alles mitzuerleben. Doch statt mich ins buchstäblich bunte Getümmel zu werfen, habe ich mich mit indischen Kolleginnen nur dezent mit etwas gelber Pulverfarbe bestrichen und bin dann in die ruhigen Berge geflohen.

 

Eine Freundin hatte mich zum Wochenendhaus ihrer Eltern eingeladen, wo wir einen wunderschönen Tag in der Natur verbracht haben. Wie üblich war wieder ein Großteil der Familie anwesend …und eine ganze Horde kleiner Eidechsen. Es wurde zusammen Mittag gegessen, in den Bergen spaziert, auf der Terrasse geschaukelt, gedöst und diskutiert. Und ich habe wie vor hundert Jahren Körner gemahlen – mit Hilfe eines uralten Mahlsteins! Ich wäre damals wohl verhungert, denn den Mahlstein zu drehen, erforderte von mir den Einsatz meines gesamten Körpergewichtes. Als ich anfing, schlapp zu machen, hatte ich gerade mal genug Mehl produziert, um einen Fingerhut zu füllen. Das Grundstück hatte auch einen alten Steinofen, der jedoch nur bei längeren Aufenthalten in der Berghütte zum Einsatz kommt. Vielleicht darf ich ihn auch mal aktiv erleben, wenn dann der Monsun kommt und alles noch viel grüner ist. Und die Mangos an den Bäumen schön gelb und süß sind.

 

Am Sonntag habe ich die Einladung dann umgedreht und Freunde zu uns bestellt, um deutsche Osterkultur zu vermitteln. Etwas suchen zu müssen, bevor man es behalten darf, oder Osterschmuck herzustellen, dachten wir, wäre ja mal ganz aufregend für unsere indischen Kollegen. Und so haben wir einen großen Brunch vorbereitet mit selbst gebackenen Keksen und Kuchen, belegte „Schwarzbrot“-Happen, Joghurt und verschiedenen Salaten. Natürlich haben wir auch Eier-Catchen gespielt, nur dass es diesmal nicht um den Abwasch „danach“ ging, sondern einfach nur um den Spaß. Ausnahmsweise ;-)

 

Schließlich kam der Höhepunkt des Tages: das Eierfärben und -bemalen. Da eine Großzahl der Inder keine Eier isst und wir zudem wollten, dass jeder eine kleine Erinnerung mit nach Hause nehmen kann, haben wir uns für ausgeblasene Eier entschieden. Allein das war schon ein Riesen-Spaß. Während des Malens herrschte dann konzentrierte Stille. Alle haben wir mit solchem Ehrgeiz gepinselt, aus Ermangelung eines wirklichen Pinsels sogar nur mit Ohrstäbchen, so dass man hätte annehmen können, niemand sei zu Hause. Das Ergebnis waren fünf individuelle, teils sehr ästhetische, teils sehr lustige Ostereier. Und am Abend ein großer Berg Rührei … 

23.3.08 16:11


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