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Ram Ram Sa, Chokhi Dhani!

Wir nähern uns einem großen, schweren, dunklen Holztor, mit Stahlknöpfen versehen, und während wir es durchschreiten, setzt dahinter ein kräftiges Trommelspiel ein. Gleich kommt ein bunt gekleideter Mann mit Turban auf uns zugelaufen, legt die Hände vor der Brust zusammen und grüßt jeden von uns mit einem freudigen „Ram Ram Sa“, begleitet mit einem leichten Kopfnicken. Ein zweiter Mann kommt herbeigeeilt, mit einem Tablett voller Blumen und einem Schälchen mit roter Farbtunke. Ich bekomme meinen ersten Willkommens-Punkt zwischen die Augen gesetzt, seit ich in Indien bin. Die Begrüßungszeremonie ist vollbracht – Chokhi Dhani steht uns nun offen.

Chokhi Dhani ist ein nachgebautes rajastanisches Künstler- und Erlebnisdorf, nur 30 Riksha-Minuten von Pune entfernt. Bereits mit dem Anfahrtsweg lässt man die moderne Welt hinter sich. Es geht über einen einsamen Sand- und Kieselsteinweg – er ist so uneben, dass ich mit meinen 1,72 ständig gegen das Dach der Riksha stoße. Dabei können wir nur im Schritttempo fahren, um nicht zu riskieren, dass unser Fahrgestell auf drei Rädern einfach umkippt.

Spätestens mit der Eingangshalle zu Chokhi Dhani betreten wir dann eine andere Welt. Die Wände sind bunt bemalt, immer wieder finden sich wunderschöne Reliefs, die Alltagsszenen in einem Dorf darstellen oder die hohen Herrschaften auf ihren Kontroll- oder Reisewegen. Rechts im Raum bindet sich gerade ein Mann einen Turban aus einem gut zehn Meter langen Baumwollstoff – zwei Freunde müssen ihm helfen, um die lange Stoffschlange zu bändigen und in eine zahme, wohlgeordnete Kopfbedeckung zu verwandeln. Auf der linken Seite der Empfangshalle erstrecken sich kniehohe Lümmelcouches, in denen sich die Gäste von Chokhi Dhani erst einmal „von der langen Anreise erholen“ können – die Sitzflächen sind fast einen Meter breit, so dass ich bequem meine Beine hochnehmen, mich in die Kissen versenken und der traditionellen rajastanischen Musik lauschen kann.

Aber dann müssen wir doch weiter – die Neugierde treibt uns. Erneutes Trommeln setzt ein und ein Mann, als rotes Pferd verkleidet, tanzt um uns herum und begleitet uns auf dem Weg von der Eingangshalle zum zentralen Marktplatz. Dann sind wir uns selbst überlassen und wissen erst mal gar nicht, wohin wir als erstes gehen sollen. Wir entscheiden uns, vorerst alles abzuspazieren, um einen Überblick über die Größe und Vielfalt des Dorfes zu erhalten und dann die einzelnen, für uns interessanten Stationen näher zu erkunden. Vieles in der Dekoration des Dorfes ist sehr künstlich, das muss ich zugeben – aber irgendwann können Dinge auch so kitschig sein, dass sie wieder schön anzusehen sind. Und so geht es mir. Ich mag das Bunte überall, die allseits bemalten Mauern und Stände, die pompösen Kleider der Angestellten und Künstler. Manchmal fühle ich mich, als hätte mich die Illustration eines Kinderbuches aufgesogen – wie in der Unendlichen Geschichte oder im Tintenherz…

Erste Station unserer „märchenhaften“ Wanderung ist ein Puppenspieler mit seinem Musiker. Er führt kein einheitliches Stück auf, sondern „erzählt“ kleinere, voneinander unabhängige Episoden, … von einer unglücklich verliebten Bauchtänzerin, einem tapferen Krieger, einem streitenden Ehepaar etc. … alles Szenen, die sich zu unserem Glück auch ohne Worte gut darstellen lassen, solange sie von entsprechender Musik begleitet werden. Dann geht es weiter zu einer rajastanischen Tanzvorstellung – diese könnte wesentlich netter sein, wenn die Tänzerinnen ihre Choreographie nicht schon tausendmal aufgeführt hätten und sie nicht so sichtlich gelangweilt abspulen würden – als hätte jemand den Start-Knopf eines Videorecorders gedrückt. Aber was soll’s. Wir gucken uns alles bis zum Schluss an und ziehen dann weiter zu einem Magier. Der sitzt auf vier zusammengeschobenen Holztruhen, umgeben von seinen vielen kleinen Utensilien … und seine Zuschauer scharen sich in Händeschüttel-Reichweite auf Bastliegen um ihn. Es wurmt mich immer wieder, dass ich selbst bei so großer Nähe keinen der Tricks durchschauen kann. Auch wenn ich weiß, dass der Reiz einer Zaubershow ja darin besteht, überrascht, verblüfft oder gar fassungslos zu sein. Es folgen eine Artistik-Darbietung, Bogenschießen und, mein Höhepunkt des Tages, ein KAMELRITT!

Ich bin noch nie auf einem Kamel geritten und freue mich dementsprechend wie ein kleines Kind, als sich die Möglichkeit dazu in Aussicht stellt. Ohne langes Zögern schwinge ich mich auf den ersten Höcker und die Sara folgt mir, nicht weniger enthusiastisch, auf den zweiten. Und schon wellenreiten wir in 2 Meter Höhe stolz durch’s Gelände, mit einem breiten Honigkuchen-Gesicht. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie eifersüchtig ich nun auf Dich bin, lieber Weltenbummler-Heiko, dass Du in Australien sogar eine mehrstündige Tour auf diesen graziösen Tieren gemacht hast! Ich will das auch! Wenn ich schon eine Pferdehaar-Allergie habe, will ich wenigstens mal auf einem Kamel einen langen Ausritt machen. Das dürfte doch hier in Indien nicht schwieriger als in Australien sein, oder? Ich muss in Zukunft unbedingt die Augen offen halten.

Wer große Abenteuer erlebt, hat irgendwann auch großen Hunger. Deshalb bestellen wir zum Abschluss des Tages noch ein richtig traditionelles Menü aus Rajastan in einem richtig (nachgebauten) traditionellen Gasthaus aus Rajastan. Die Schuhe müssen draußen bleiben, denn die Gäste sitzen alle auf dem mit Teppichen ausgelegten Boden. Jeder hat sein eigenes, knöchelhohes Holztischchen vor sich zu stehen. Bevor wir aber an unseren Plätzen anlangen, müssen wir eine lange Reihe von Kellnern passieren, die sich uns nacheinander in den Weg stellen, uns mit „Ram Ram Sa“ begrüßen und erst zur Seite weichen, wenn wir sie ebenfalls mit Händen in Bet-Stellung und einem immer weniger scheu klingenden „Ram Ram“ zurückgrüßen.

Dann nehmen wir an kleinen rautenförmigen Fenstern Platz. Es wurden in der Zwischenzeit schon für jeden von uns ein Teller, so groß wie eine XXL-Pizza, und fünf kleine Schüsseln bereitgestellt – alle aus getrockneten Blättern, also biologisch abbaubar, damit der Abwasch nicht so aufwendig und der Müllberg hinterm Haus nicht zu hoch wird. Innerhalb weniger Sekunden sind wir wieder von einem halben Dutzend Bediensteten umgeben: einer schiebt uns kleine runde Hölzer unter die Knie, damit der Schneidersitz auf Dauer bequemer wird; der nächste stülpt uns Turbane über und versteckt darunter alle vorne heraushängenden Haare; zwei weitere Männer füllen unsere Gläser mit kühlem Wasser einerseits und mit Lassi andererseits; die restlichen Kellner sind damit beschäftigt, die fünf Schalen mit verschiedensten Gerichten zu füllen. Schließlich ist der XXL-Teller dran: Und ich erlebe das Entstehen meines bisher schönsten Thalis. Ein Thali ist so was ähnliches wie ein „Hier kriegst Du alles, was unsere Küche zu bieten hat, auf einem einzigen Essplatz serviert, in kleinen Portionen, damit Du von jedem Gericht mal etwas kosten kannst“ … In hausgemachter Form hatte ich ein (etwas kleineres) Thali schon mal letzte Woche in der Familie von Dhanashree, falls Ihr Euch erinnert. … Aber ich denke, ich muss Euch einfach mal ein Foto zeigen, denn keine Worte können so richtig die Ausmaße unseres „Festessens“ beschreiben wie ein Bild.

Während des großen Essens tänzeln die Kellner um uns herum und füllen die Schüsseln nach, als wären unsere Mägen Löcher, wo alles nur so durchrutscht. Wer protestiert und sich herauszureden versucht, dass er satt sei und einfach nicht mehr essen KÖNNE, ist schnurrstracks in eine laute Diskussion verwickelt: „Wie? Jetzt schon satt? Du hast doch kaum was gegessen! Komm schon! Hab Dich nicht so! So gutes Essen siehst Du bestimmt für eine ganze Weile nicht mehr! …“ Und so werden wir gemästet, bis wir kaum noch hinter unsere Tischchen passen. Und selbst als wirklicht nichts mehr zu gehen scheint, macht der Oberkellner noch mal eine Runde und füttert jeden Gast per Löffel mit einem „allerletzten“ Happs – dem Brauch zufolge hat der Gast einen Wunsch frei, wenn ihm der Gastgeber einen letzten vollen Löffel in den Mund schiebt … oder zwei … oder drei, wenn man nicht unglücklich genug dreinschaut … Es ist toll! Wir genießen es, hier zu sein!

Wer gerne mal virtuell auf unseren Pfaden wandeln möchte, kann mal reinschauen in: http://www.chokhidhanipune.com. Oder auf meine Fotos warten ;-)

17.3.08 15:18


Laxmi-Road kreuz und quer

Endlich habe ich ihn gefunden: den orientalischen Markt, auf dem sich die Protagonisten eines Bollywood-Films immer das erste Mal tief in die Augen schauen dürfen. Es gibt ihn also auch im richtigen Leben. Von weitem sah der Markt aus wie ein riesiger Tempel – doch unter seinem Dach hatten Hunderte kleiner und großer Gemüse- und Obsthändler ihre Stände aufgebaut. Die Bananen wurden gerade frisch von einem brüchigen LKW geladen und entblättert. Kartoffeln wurden nach Größen sortiert, Gewürze nach Farben, Kokosnüsse nach ihrem Reifezustand - die Grünen zum Trinken, die Braunen zum Essen …

Ich hatte wieder richtig Spaß, all die unbekannten Früchte in meinen Händen zu drehen, zu beschnuppern und daneben stehende Hausfrauen bezüglich der Zubereitung auszufragen. Auch stecke ich irgendwie alles in den Mund, was mir von den Händlern entgegengestreckt wird. Manchmal stehe ich dann Sekunden später in einer Ecke und spucke alles wieder diskret aus. Manchmal aber kaufe ich auch eine Handvoll von den Kostproben und bin total froh, noch mehr Abwechslung in meinen Ernährungs- und Naschplan bringen zu können. Irene steht oft genug kopfschüttelnd neben mir. Aber ich kann’s nicht lassen. Sara oft auch nicht. Sie und ich haben auf dem Markt unsere Einkäufe für die gesamte nächste Woche erledigt und hätten uns am Ende zu gerne ein, zwei Packesel gemietet.

Da fällt mir ein, dass einige Händler auch einen (kostenfreien) Nach-Hause-Trag-Service anbieten. Vielleicht sollte ich den wirklich mal nutzen: einfach auf einen netten Verkäufer tippen und mit ihm nach Hause schlendern, ich mit beschwingt-leichtem Schritt, er sicherlich etwas schwerfälliger unter der Last meiner Einkaufstüten, aber immerhin hätte ich in den Abendstunden nach der Arbeit Begleitschutz und gleichzeitig die Gelegenheit, mein Überlebens-Marathi zu trainieren. Ja, das klingt gut. Vor allem wegen des Marathi-Trainings. Denn bisher bricht mein Umfeld häufig in lautes Gelächter aus, wenn ich meine auswendig gelernten Marathi-Floskeln zum Besten gebe. Selbst bei so einfachen Wörtern wie „Dhanyawad“ [„Dankeschön"] oder „Udya Bethu“ [„Bis morgen"] spüre ich immer wieder so etwas wie das Vibrieren eines unmittelbar bevorstehenden Losprustens in der Luft. Ich möchte nicht wissen, was dann so alles hinter meinem Rücken passiert. Entweder kommen meine Marathi-Wörter so unerwartet, dass ich meinen Gesprächspartnern immer so viel Freude bereite, oder meine Aussprache ist … ja, fürchterlich. Aber vielleicht sollte ich dem Ganzen gar nicht so genau auf den Grund gehen und einfach weiter für gute Stimmung sorgen.

Laxmi Road - religious accessoires

Den Samstag habe ich zum ersten Mal mit und bei einer Kollegin verbracht. Danashree und ich sind noch mal zu den Pataleshwar Caves von voriger Woche gegangen und haben uns im Schatten des großen Schlingel-Schlängel-Baumes bei kleinen indischen Snacks die Zeit vertrieben. Auch habe ich aus erster Hand den Tempel und die Riten erklärt bekommen. Der Tempelbesuch war dadurch noch mal ein ganz anderer als beim ersten Mal – viel intensiver. Ich habe mit Danashree mal alle Bräuche live mitgemacht: Glocke läuten, Verbeugung, Hand an die Tor hütende Kuh sowie auf die erste Treppenstufe zum Altar tippen, eine dreiviertel Runde links um den Altar und dann eine viertel Runde rechts herum drehen und schließlich einfach nur stilles Dastehen und Lauschen der Wassertropfen in der Traufe. Irgendwie war die Stille in der Altarhöhle sehr Frieden stiftend – ich bin tatsächlich glücklicher und ausgeglichener ins Tageslicht zurückgetreten.

Danashree hat mich dann auch in eine Riksha verfrachtet und ist mit mir zu sich nach Hause gefahren, wo ihre Mutter schon ein kleines Festmahl für den Gast hergerichtet hatte. Ich war das erste Mal in einer indischen Familie und etwas aufgeregt, weil ich in meinem Kulturschock-Buch so vieles gelesen hatte, was man nicht falsch machen sollte. Mein Kopf schwirrte vor all den Höflichkeitsregeln und Vorsichtsmaßnahmen gegen Fettnäpfchen. Doch letztendlich ist das alles unnötig gewesen. Ich habe schnell begriffen, dass man von mir nicht mehr erwartete, als ich selbst zu sein und die Einladung in vollem Umfang zu genießen. Und das tat ich denn auch. Ich bekam ein Achtgänge-Menü serviert, bei dem eine Mahlzeit oft leckerer war als die nächste. Danashrees Mutter hatte zudem eine wahre Freude daran, meinen Teller immer wieder voll zu füllen, um erst gar keine Lücke in meinem Delikatessenberg entstehen zu lassen. Die ganze Familie war zusammengetrommelt worden, um mich beim Ausprobieren der „echten indischen, hausgemachten Küche“ anzufeuern. Ich fühlte mich wie im Schlaraffenland.

Danach wurden mir die Hochzeitsfotos der großen Schwester von Danashree gezeigt. Die Mutter spielte etwas für mich auf ihrem kleinen Schifferklavier. Der Nachbar wollte mich zu seiner Antiquitäten-Sammlung entführen, konnte mich aber nicht freikaufen. Denn ich sollte die ganze Wohnung sehen und die indischen Accessoires samt Heimaltar erklärt bekommen. Auf dem Balkon wuchs eine Pflanze, die für besondere Anlässe ihre Blätter lassen muss, um sie mit einer Gewürzpaste zu füllen. Und so kam ich auch in den Genuss dieser Köstlichkeit. Die Familie tat wirklich alles für mich. Ich war am Ende einfach nur noch sprachlos ob dieser Selbstlosigkeit. Es war ein wunder-wunder-schöner Tag und sicherlich eine der bleibendsten Erinnerungen an Pune!


7.3.08 18:07


Von Shaniwarwada und anderen Zungenbrechern

Wie jeden Sonntagmorgen so wurde ich auch heute kurz vor Sonnenaufgang vom Gebetsruf der benachbarten Moschee geweckt. Unterhalb der Woche kann ich ihn wegen des starken Berufsverkehrs kaum hören, doch am Sonntag schläft Pune aus und selbst die grässliche Baustelle von nebenan gibt mal Ruhe. Nur die Muslime sind gegen halbsechs schon aktiv … und wenn sich ihre melodischen Suren in meinen Halbschlaf einschleichen, bin ich immer ganz erstaunt, dass ich dann in Indien aufwache und nicht etwa in Marokko, Tunesien oder Ägypten. Ähnlich wie in Deutschland wache ich auch hier oft mit dem Morgengrauen auf und muss dann auch irgendwann vor lauter Langeweile aufstehen. Verdrehte Lerche, die ich bin.

Dabei wollte ich heute wirklich mal ausschlafen. Wir waren gestern den ganzen Tag in der Stadt unterwegs gewesen, um die nächste Staffel von „We discover Pune“ zu drehen. Ob wir eine Sightseeing-Tour machen oder nicht, ist nach fünf Arbeitstagen immer wieder eine schwierige Entscheidung  – große Erschöpfungszustände am darauf folgenden Sonntag müssen hier nämlich stets mit einkalkuliert werden, denn Pune macht einfach mal richtig müde … mit seinen Staus, seinem Lärm, seiner Hektik. Das Ganze bei 30 Grad im Schatten. Nur die Neugierde treibt uns da voran. Deshalb müssen wir sie randvoll in unsere Hosentaschen abfüllen, bevor wir starten, damit unsere Unternehmungslust für vier, fünf Stunden ausreicht. Ich schreibe das, um keine romantischen Vorstellungen von unseren City-Touren per Riksha entstehen zu lassen. Die Fotos, die ich für Euch schieße, beruhen auf harter Arbeit ;-).

Nein, nein, so schlimm ist es natürlich nicht. Selbstverständlich genießen wir auch unsere Ausflüge! Gestern haben wir uns in Central Pune herumgetrieben, einem der ältesten Stadtbezirke. Höhepunkt war eindeutig das Kelkar Museum! Sollte mich tatsächlich mal einer von Euch besuchen kommen, gehört dieses Museum zum Pflichtprogramm. Ausgestellt werden hier indische Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände, die teilweise bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Es waren vor allem die vielen Holzschnitzereien (Skulpturen und Türen) und die altertümlichen Musikinstrumente, die mich fasziniert haben. Ich habe sogar einen freundschaftlichen Plausch mit dem Museumsdirektor halten können, der mir höchstpersönlich einen Überblick über seine wertvolle Sammlung gegeben hat. Unsere Münder standen angesichts der filigranen Kunstwerke die ganze Zeit offen.

Außerdem haben wir uns auf das Fort Shaniwarwada gestürzt – Eure Haare müssten jetzt übrigens eine La-Ola-Welle für meine Gedächtnisleistung machen, denn sich diesen Namen zu merken, ist wirklich eine Herausforderung – aber leider ist Shaniwarwada nicht halb so interessant, wie es der Name und der Eintrittspreis versprechen. Was von der alten Burganlage übrig geblieben ist, sind ein paar Grundmauern, bis auf Knöchelhöhe abgetragen – und nirgends gab es ein paar erklärende Tafeln, die zumindest diese spärlichen Überreste mit Leben gefüllt hätten. Als archäologischer Bildungsbanause konnte ich dem Fort nicht viel Leidenschaft entgegenbringen. Das Schönste war wohl der Anblick der vielen Liebespaare, die sich hinter irgendwelchen dicken Bäumen oder in den Winkeln des Burgwalls versteckten, um heimlich Händchen zu halten. Der Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit, ja überhaupt das Beisammensein zweier Personen unterschiedlichen Geschlechts stößt nämlich selbst im modernen Pune zum Teil immer noch auf gesellschaftliche Missbilligung.

Gelohnt hat sich aber auch der halbstündige Fußmarsch zwischen dem Kelkar Museum und dem Fort. Hier zieren viele kleine Läden den Straßenrand. Wir haben unzählige wunderbare Papierschöpfer und Buchbinder gesehen, kunterbunte Schmuck- und Textilläden, eine unvergesslich lecker duftende Bäckerei, so groß wie ein Konsum, gefüllt mit indischem Gebäck, sowie sogar einen Müller, der das Getreide seiner Kunden vor unseren Augen mahlte. Es war wieder so eines dieser herrlichen Markt-Mosaike, an dem ich mich kaum satt sehen kann.

Zum Abschluss des Tages sind wir zu den Pataleshwar Höhlen gefahren. Ein Ort der Ruhe mitten im Großstadtgetummel von Pune - die Atmosphäre hier war fast noch schöner als in den Karla Caves. Überall saßen Studenten und lasen, diskutierten leise oder vertrieben sich die Zeit einfach nur mit Vor-Sich-Her-Sinnen. Der Boden war übersät mit weißen Blüten, die von umstehenden Bäumen gerieselt waren. Wenn der Wind günstig stand, roch es sogar nach Sandelholz-Räucherstäbchen. Und am Eingang zu den Höhlen stand ein wunderschöner alter Baum, dessen Äste, Ableger oder Teilstämme sich wie ein Wasserfall auf die Erde ergossen. Ein Baum wie aus dem Märchenbuch! Es fühlte sich richtig gut an, barfuss durch die Säulengänge zu wandeln und um den Tempel herum zu laufen. Wenn es mir mal nicht so toll geht, könnte ich mir vorstellen, mich hierhin zurückzuziehen.

Und bevor ich mir mein Abendbrot brutzele, muss ich Euch noch ein wenig neidisch machen! Ich habe gestern meine erste Wassermelone in diesem Jahr gegessen – und die war sooooooooooooo süß und saftig. Ein Traum von einer Wassermelone! Sie hat keinen Tag überlebt. Gleich noch gehe ich mir eine neue kaufen. Und eine leckere Papaya dazu! 

2.3.08 14:25


Murud Janjira

Bevor ich weiterschreibe, muss ich an dieser Stelle noch mal die liebe Eilika hervorheben, ohne die mein Weblog nicht wäre, was es ist. Ohne sie könnte ich Euch all die schönen Fotos nicht zeigen, die ich so unterwegs schieße. Wenn Ihr also mal in Leipzig in der Bornaischen Straße seid, müsst Ihr ihr unbedingt ein kleines Eis vorbeibringen als Dankeschön! Macht Ihr das für mich? Der Heiko hat schon mal den Anfang gemacht ...

Die Tage vergehen jetzt, wo sich der Alltag allmählich einschleicht, immer schneller. Erneut ist eine Staffel von fünf Arbeitstagen vorbei. Und unser „Overnight Trip on the Beach“,  der uns bei unserer Ankunft im Januar angekündigt wurde und „damals“ noch so fern klang, liegt mit diesem Wochenende auch schon wieder hinter uns. Unsere Firma hatte den Wochenendausflug als eine Art Willkommensgeschenk für seine Praktikanten geplant und dafür ein kleines Fischerdorf an der Küste der Arabian Sea auserwählt: Murud, 170km südlich von Mumbai und fünfeinhalb Autostunden von Pune entfernt. Um den Samstag in voller Länge genießen zu können, wurden wir deshalb bereits am Freitagabend nach der Arbeit samt Gepäck in zwei Kleinbusse verladen und an unseren Bestimmungsort chauffiert.

Der erste Reiseabschnitt verlief gen Mumbai, auf einer freitags total überfüllten Strecke, weil viele Arbeitnehmer aus der Region übers Wochenende daheimgebliebene Verwandte besuchen. So habe ich zum ersten Mal einen indischen Stau auf der Autobahn miterlebt und bin nun endgültig von der Idee geheilt, mir vielleicht doch mal irgendwann einen Mietwagen zu holen, um immer der Nase nach durch die Landschaft zu streunen. Denn einen indischen Stau würde ich wahrscheinlich keine zehn Minuten überleben: nur wer Beulen und Unfälle riskiert, kommt nämlich vorwärts. Nichts für mich.

Der zweite Teil unserer Reise ging dann auf sandigen Straßen durch die Pampa. Irgendwie muss am letzen Freitag ein astrologisch Glück verheißender Tag gewesen sein, denn in jedem noch so kleinen Ort wurde eine Hochzeit gefeiert. Die Musik konnten wir selbst im Auto schon eine ganze Weile hören, bevor wir überhaupt die festlich geschmückte und tanzende Hochzeitsgesellschaft sahen, oft in einem der vielen Lokale direkt an der Straße. Das Gemeine ist, dass Braut und Bräutigam nicht etwa wie in Deutschland durch Charakteristika wie ein weißes Kleid und eine Blume im Knopfloch identifiziert werden können, sondern in Indien meist genauso bunt und glitzernd sind wie ihre Gäste. Dadurch konnte ich die Heiratenden kaum ausfindig machen. Einziges Erkennungsmerkmal: sie stehen in der Mitte des sie umtanzenden Gäste-Kreises. Wenn aber so eng getanzt wird, dass keine Mitte erkennbar ist … Hmm, vielleicht muss ich diesbezüglich meine Augen doch noch etwas schulen.

Nach den Dörfern kamen die Berge. Schrecklich! Serpentinen-Fahrt für eineinhalb Stunden – das ganze mit bis zu 80km/h. Denn wer in Indien ein schnelles Auto hat, muss dies auch allen anderen zeigen! Klar! … Unsere Chauffeure sind gefahren wie die Henker. JEDES Vehikel musste überholt werden – in Kurven, bergauf, bergab, auf nur drei Meter breiten Straßen und natürlich auch auf Straßen mit fußballgroßen Schlaglöchern. Mir ist der Magen in den Hals gerutscht. Auf meine Bemerkung hin, dass uns allen super-übel sei, bekam ich zur Antwort: „Ja, die Straßen sind sehr schlecht!“ Auf die Idee, vielleicht einfach mal langsamer zu fahren, kamen unsere Fahrer selbstverständlich nicht. Als wir spät nach Mitternacht endlich ankamen, konnten wir uns nur noch mit Mühe auf den Beinen halten. Ich denke, ich bin jetzt achterbahnfest.

Doch der Stress der Anreise wurde am nächsten Morgen durch den Blick vom Balkon wieder aufgewogen: Palmen-Haine, Strand, Meer und das verschlafene Örtchen Murud. Im Dorf leben sicherlich nicht mehr als 600 Menschen, also ungefähr so viele wie in meinem kleinen Heimatdorf. Und genau das machte den Ort so attraktiv: keine touristischen Blendungen, sondern das stinknormale Fischerleben, alles ganz ursprünglich und unverfälscht. Und mittendrin durften wir zwei wunderschöne Tage verbringen. Und wurden sogar von Vogelgezwitscher geweckt! Nach meinem Verständnis müssen es Amseln gewesen sein, denn die Uhrzeit hat gestimmt und auch die Anfangsstrophen des Sing-Sangs waren mir sehr vertraut. Aber was danach kam, hörte sich sehr nach dem gurgelnden Verschwinden des letzten Badewannenwassers im Abfluss an – nur viel heller und plätschernder. Ich nehme mal an, dass da das Rauschen des Meeres imitiert wurde, so wie auch deutsche Amseln bekanntlich die Klingeltöne von Handys nachahmen. Für mich war es ein richtiger Kurzurlaub!

Am Vormittag sind wir zum Hafen Rajpuri Port gefahren und haben unterwegs vielen Fischern und Händlern bei der Arbeit zusehen können. Ochsenkarren schleppten allerlei landwirtschaftliche Erzeugnisse durch die Straßen und Frauen trugen auf ihren Köpfen 2 m langes Brennholz. Viele Häuser waren zur Straße hin offen, so dass wir ein wenig in die Fischerbehausungen linsen konnten. Und natürlich gab es auch hier überall Kinder, die uns hinterher rannten und immerzu „Hello! Namasté!“ riefen. Von Rajpuri Port setzen wir auf einem Segelschiff zum Fort Janjira über. Die Festung wurde im 12. Jahrhundert mitten im Meer gebaut und konnte wegen ihrer 12 m hohen Wälle nie erobert werden. Dementsprechend abenteuerlich war auch der Ausstieg vom Segelboot. Eine nicht einnehmbare Festung hat natürlich auch einen schwer zugänglichen Eingang: es gibt kein Anlegeplatz, nicht mal eine kleine Landebrücke! Die Treppen zum Fortinneren beginnen mitten im Meer und wer sie besteigen will, muss wagemutig vom Schiff zu ihnen rüber springen. Keine Ahnung, wie die Statistik für die ins Wasser gefallenen Besucher aussieht. Ich zumindest kam mit zwei nassen Füssen und Schienbeinen davon.

 

Das Festungsinnere erinnerte mich ein wenig am Pompej: verfallene Ruinen mit Blumen und kleinen Bäumchen, die sich ihr Terrain zurückerobern. Aber die reiche Ornamentik an den Wänden und die vielen Säulen ließen erahnen, wie prächtig das Fort mal gewesen sein muss. Angeblich lebten hier einmal über 2000 Menschen. Es war beeindruckend!

Am Nachmittag fuhren Sara, Renée und ich dann noch weiter zum Birla Temple und für ein, zwei Stunden an den Kashid Beach. Der Birla Temple war entgegen den Tempelanlagen in Pune und Malavli sehr neumodisch und streng bewacht. Er hatte nicht so bunte Zwiebeltürmchen und Wände, war aber dafür an der Decke mit unzähligen kleinen Windspielen versehen. Da der Tempel genau am Meer lag, könnt Ihr Euch sicherlich vorstellen, wie schön die Geräuschkulisse war: ein ständiges zartes Klingen und Läuten. Wie die Inder auf die Idee kommen konnten, gleich nebenan eine Bohrinsel zu bauen, ist mir ein Rätsel. Da hat wohl einmal mehr der ökonomische Aspekt über den religiös-meditativen gesiegt.

In Kashid dann haben wir den Tag ruhig ausklingen lassen, waren Muscheln und Steine sammeln, was hier ganz unüblich zu sein scheint, denn viele Inder haben uns dafür ausgelacht. Wir waren DIE Attraktion am Strand: europäische Archäologen! Aber langsam sind wir es gewohnt, mit unseren kleinen Eigentümlichkeiten aufzufallen und haben es humorvoll hingenommen. Schließlich haben ja auch wir immer wieder unseren Spaß mit den fotowütigen Japanern, oder? Und schließlich habe ich meine erste frische Kokosnuss getrunken! Das wird wohl ab sofort mein Erfrischungsgetränk Nummer Eins sein, solange ich in Indien bin.

Den Sonntag haben wir noch mal an einem anderen Strand verbracht: Nagaon Beach ist ein Küstenabschnitt, in dem wie verrückt Kricket gespielt wird. Weit und breit konnte ich nichts anderes sehen als mit Steinen begrenzte Kricket-Felder und Spieler jeden Lebensalters. Die Inder sollen Kricket ja lieben – spätestens seit diesem Anblick bin auch ich davon überzeugt. Wir haben uns mal einen Spaß erlaubt und eine kleine Strandpferdekutsche für zehn Minuten gemietet. Und dann ging es durchs seichte Gewässer vorbei an allen Kricketfeldern und wieder zurück – bei wehendem Winde im Haar. Ich kam mir vor wie eine römische Feldherrin. Eigentlich hätte ich nur noch einen Arm imperialistisch in die Luft strecken müssen ...

25.2.08 16:45


Malavli und Lonavla

Nachdem die dritte Arbeitswoche doch sehr anstrengend war, habe ich mich gestern mit einem „Samstag im Grünen“ belohnt – doch, um Missverständnissen vorzubeugen, sollte ich, die Klimazone berücksichtigend, wohl eher von einem „Samstag im Ockerfarbenen“ sprechen. Trotz Grün-Mangels war der Ausflug aber sehr erholsam. Denn ein bummliger Regionalzug brachte Sara und mich in früher Morgenstunde mal raus aus dem ganzen Lärm, dem Dreck und dem Gedränge der Großstadt Pune. Die Fahrt ging Richtung Westen in den kleinen, von Hügeln umgebenen Eisenbahnort Malavli und von dort mit der Riksha zehn Minuten durch ein breites Tal zu den legendären Karla Caves.

Hinter den Karla Caves verbirgt sich eine in Felsen geschlagene Siedlung buddhistischer Mönche aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, ausgestattet mit einem wunderschönen, 40 m langen und 15 m hohem Höhlentempel. Da wir neben pilgernden Hindis die einzigen (weißen) Besucher waren, scheinen die Karla Caves wirklich noch ein Geheimtipp unter den Touristen zu sein, was sie sehr authentisch macht. Es war für mich wirklich ein erhebender Moment, vor diesem alten Heiligtum zu stehen, mit so ganz anderen Ornamenten und Skulpturen, als ich es aus Europa gewohnt bin. Erst recht, als ich sah, dass dies alles nicht der Vergangenheit angehört, sondern ganz im Gegensatz noch ganz aktiv von den Anwohnern zur Meditation und zum Beten genutzt wird. Überall wurden Blumenkränze, Kokosnüsse und Süßigkeiten geopfert. Vielleicht bin ich sogar Zeuge einer lebenden Hochkultur geworden. Wahnsinn!

 

Ich hätte von diesem Platz wohl auch eine durchweg schöne Erinnerung, wären die Höhlen nicht von unvorstellbar großen Bienenvölkern bewohnt gewesen, die Sara und mich in Angst und Schrecken versetzt haben: Ahnungslos wollten wir, einem schmalen Pfad folgend, den gesamten Felsen umrunden und fanden uns plötzlich in einem riesigen Schwarm von Bienen wieder, der wie in einem Heuschrecken-Szenario als dunkle Wolke am Himmel  immer näher kam, uns bestimmt zwei Minuten umschloss und dann genauso schnell wieder verschwunden war. Hitchcock live, das sage ich Euch. Die ganze Zeit habe ich an „My Girl“ gedacht und chique Schweißperlen auf der Stirn wachsen lassen. Aber wir haben keinen einzigen Stich bekommen und konnten unsere Gemüter eine viertel Stunde später mit einer extra großen Packung Chikki wieder beruhigen. Chikki ist ein für die Region typisches Süßgebäck in Tafel-Schokolade-Format, zubereitet mit Nüssen, Sesam oder Kokos. Sehr zu empfehlen! Einige indische Großstädter sollen nur wegen eines „süßen Picknicks“ hierher kommen und nicht mal wegen des Tempels …

 

Bevor es gegen Mittag dann von Malavli eine Zugstation weiter nach Lonavla ging, sind wir auch noch in einem ganz klassischen indischen Straßenrestaurant in Bahnhofsnähe eingekehrt, um dem Süßen noch etwas Herzhaftes folgen zu lassen. Da uns die vielen Fliegen auf dem Essen nachdenklich stimmten, wurden uns ganz frisch Wada-Pavs zubereitet – und die sind ja echt noch leckerer als Chikki. Wada-Pav ist DER Indian Burger schlechthin und wird fast an jeder Ecke als kleiner Snack für Zwischendurch angeboten. Er besteht aus einem kleinen Brot mit einem frittierten Kartoffel-Gemüse-Ball drin und irgendetwas anderem, was dem Ganzen eine grüne Farbe verleiht. Auf dem Foto seht Ihr sie links ganz unten – und gleich dahinter unsere fleißigen Köche. Sie waren ganz stolz, dass wir bei Ihnen einkehrten und fragten uns neugierig über alle Details unserer Reise aus. Im Gegenzug wurden wir verwöhnt wie Rajs, Könige. Ich habe selten so viel gelacht und ein weiteres Mal die große Gastfreundschaft der Inder genießen können.

Viel zu früh nach meiner Meinung mussten wir uns schon wieder verabschieden, um mit unseren dicken Bäuchen zum Bahnhof zu eilen und dort den Zug ins ungefähr 20 Minuten entfernte Lonavla zu kriegen. Die Fahrt war ebenfalls sehr unterhaltsam, denn in unserem Abteil waren wir von einer Schar Grundschüler umgeben. In Indien gehen die Schüler nämlich nicht nur werktags, sondern auch jeden zweiten oder gar jeden Samstag zur Schule. Der Weg dorthin ist für so kleine Zwerge im deutsch-indischen Vergleich oft genug unverhältnismäßig lang und wird daher mit dem Zug oder dem Bus zurückgelegt. Die Fahrtzeit verkürzen sich die Kinder dadurch, dass sie entweder kleine, originelle Handspiele erfinden oder, etwas strebsamer, ihre Hausaufgaben erledigen. Ich war hierbei ganz fasziniert vom Sanskrit, das ihnen so leicht von den Fingern ging und so wunderbar verschnörkelt ein Blatt nach dem anderen füllte. Und ich fand die großen braunen Kinderaugen so schön, die neugierig die Bilder von den Karla Caves auf unseren Webcams bestaunten und dabei strahlten, als würden wir dort einen kleinen Trickfilm abspielen. Einen wahren Freudenausbruch aber löste ich wohl aus, als ich ein Foto von ihnen machen wollte.
 
Indische Kinder lieben es, fotografiert zu werden. Mein hierzu einprägsamstes Erlebnis spielte sich in Lonavla selbst ab, in einem Park, wo eine Schulklasse Picknick machte: Als wir den Park betraten, winkten sie uns schon von Weitem zu – und als ich dann meinen Fotoapparat herausnahm, kamen sie auf mich wie auf einen Bonbonverkäufer zugestürmt. Um auf dem Bild zu sein, riefen sie bunt durcheinander, sprangen in die Höhe und streckten die Arme gen Himmel. Ich konnte mich in der Kindertraube kaum noch bewegen. Das Bild muss ich Euch unbedingt zeigen. Wenn alle meine Foto-Models so kooperativ wären, könnte ich mich schon morgen bei National Geographic bewerben, hihi.

Und dann habe ich noch etwas sehr Essentielles über die indische Kultur gelernt. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, dass Inder tatsächlich nie den Satz “Das weiß ich nicht” über die Lippen bringen können … und stattdessen lieber das Blaue vom Himmel lügen. Ich hielt das für ein gemeines Klischee. Aber gestern wurde es mir am eigenen Leib bestätigt: In Lonavla angekommen, fragten wir uns nach dieser oder jener Sehenswürdigkeit durch und wurden kontinuierlich im Zick-Zack durch die Stadt geschickt – häufig genug in die entgegengesetzte Richtung, als wir eigentlich hätten gehen müssen. Grrr … Als wir das am Abend erzählten, wurden wir von unseren indienerfahrenden Mitreisenden nur ausgelacht: Sie empfahlen uns für die Zukunft, uns nie in Bewegung zu setzen, bevor uns nicht mindestens drei Inder die gleiche Auskunft erteilt hätten – erst dann könne man von der richtigen Wegbeschreibung ausgehen. Wahnsinn! Gestern haben irgendwann die Füße geschmerzt – aber heute kann ich schon wieder drüber lachen.

Und zum Schluss muss ich noch eine ganz wichtige Korrektur vornehmen: die Bücher in Indien sind tatsächlich sehr viel preiswerter als in Europa. Wir haben den Sonntagnachmittag bei Landmarks Bookshop verbracht, der entgegen Maneers, der Buchhandlung, von der ich letzte Woche geschrieben habe, wirklich super sortiert war und viele Sonderangebote bereithielt. Während Ihr den „Drachenläufer“ von Hosseini vielleicht gerade in Deutschland in den Kinos guckt, werde ich ihn also abends endlich in englischer Buchausgabe erleben: für zwei Euro. Juppieh! 

  
18.2.08 18:06


Vom Yogi-Tee zum Salwar Kameez

Bestimmt kennt Ihr das Gefühl, dass Tage mehr als 24 Stunden zu haben scheinen, je enger sich die Ereignisse aneinanderreihen. Ich bin erst zwei Wochen in Indien, aber sie kommen mir fast vor wie zwei Monate. Ich bin von weit mehr Neuem umgeben, als ich fähig wäre, an einem einzigen Tag zu verarbeiten. Wie ein kleines Kind gucke und staune ich immer noch, was um mich herum passiert. Erst langsam stellt sich so etwas wie Alltag ein.

Die zweite Arbeitswoche habe ich damit begonnen, dass ich mich in die Tee-Zeremonie meiner indischen Kollegen integriert habe. Das heißt, jeden Tag um zehn Uhr beginnt in der Frühstückspause die Völkerwanderung zum 50 m entfernten Tee-Stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo schon ein großer Kessel voller Yogi-Tee wartet und für uns in fingerhutgroße Plastikbecher abgefüllt wird. Keine Ahnung, ob das Wasser darin zuvor auch tatsächlich gut abgekocht wurde oder ob die Milch vom Büffel nicht vielleicht doch direkt vom Euter in den Kessel gespritzt wurde – unerschrocken, wie ich bin, habe ich bisher keine Probleme mit dem Magen.

In den Restaurants esse ich auch hemmungslos alles, was mir vorgesetzt wird – schließlich möchte ich die indische Kultur richtig kennen lernen, hehe ;-) … Mit Vorliebe nehme ich die Gerichte, unter denen ich mir nichts vorstellen kann. Die Speisekarten sind eh alle zumeist in Hindi verfasst. Was mir schmeckt, wird in mein Reisetagebuch unter der Rubrik „zu empfehlen“ abgepinselt. Was fürchterlich aussah oder geschmeckt hat, kommt in die Rubrik „interessante Erfahrung“. Derzeit ist die letzte Rubrik erst rar beschrieben. Die indische Küche ist nämlich echt super lecker. Häufig essen wir weit über den Hunger hinaus und können uns dann kaum noch nach Hause bewegen.

Die letzten Praktikanten sollen deshalb im Durchschnitt fünf Kilogramm zugenommen haben. Drum gehe ich schon jetzt immer jeden Morgen für eine Dreiviertelstunde fleißig ins „Fitness-Studio“, das zu unserer Wohnanlage gehört und aus drei Sportgeräten, einem Billardtisch und sechs Iso-Matten besteht. Meist setze ich mich aufs Fahrrad und stelle mir vor, wie ich durch Leipzig radele, das Elsterflutbecken entlang, in den Wildpark hinein und einmal um den Cospudener See herum. Damit baue ich mich auch mental etwas auf. Denn ein richtiges Fleckchen Natur konnte ich bis jetzt in Pune noch nicht wirklich ausfindig machen. Selbst in den wenigen Parks wird der Abfall einfach auf den Boden geworfen und stapelt sich, vom Wind zusammengefegt, an irgendeiner Ecke oder unter irgendeinem Baum. Die Müllbehälter in ganz Pune lassen sich sicherlich an zwei Händen abzählen. Aber ich lasse mich nicht entmutigen und suche eifrig weiter nach dem „unberührten Grün“ und etwas Vogelgezwitscher. Schließlich sind wir in Indien gerade mitten im Frühling!

Gestern haben die wagemutige Sara und ich allein eine Riksha-Fahrt quer durch die Stadt unternommen, um die zwei einzigen „großen“ Buchhandlungen in Pune zu besuchen. Wegen der Gewichtsbeschränkung für unser Reisegepäck mussten wir noch in Deutschland all unsere Bücher wieder auspacken, um einige Kilogramm gut zu machen. Und nun stehen wir beide ohne Bettlektüre da – schlimm, schlimm. Das wollten wir schnellstmöglich ändern. Aber selbst ein mittelmäßig geordnetes Antiquariat in Deutschland ist noch eine Luxus-Buchhandlung im Vergleich zu den Geschäften, die wir gestern gesehen haben. Zudem sind die meisten Bücher hier Importe aus Großbritannien oder den USA und deshalb mit Preisen in Pfund oder US-Dollar versehen. Die Preisbestimmung war ein einziges Rätselraten und endete meist in horrenden Ergebnissen. Mich erstaunt es kaum, dass die indische Bevölkerung so wenig liest, wenn all die Bücher zehnmal so teuer wie ein Mittagessen und gleichzeitig so angegammelt sind. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist echt miserabel – oder ich muss lernen, besser zu verhandeln. Von allen Seiten wurde mir nämlich berichtet, dass die Buchpreise, entgegen meinen gestrigen Erfahrungen, sehr niedrig sein sollen. Naja, immerhin habe ich eine Sonderausgabe von Montgomery’s „Anne of Green Gables“ aufgespürt – einen großen Dank an Anett und Esther, dass sie mir die Triologie mal ans Herz gelegt haben, sonst wäre ich wohl mit leeren Händen nach Hause zurückgekehrt!

 

Unser Ausflug war auch deshalb lohnenswert, weil wir gleich neben der Buchhandlung eine kleine, unscheinbare Passage entdeckt haben, in der sich ein Schneider neben den anderen reiht, zwischendurch nur durch glitzernde, kitschige Schmuckläden unterbrochen. Auch wenn die Bollywood-Filme sonst total idealisiert sind, so bleiben sie doch in der Kleidung und in den Accessoires der Darsteller recht authentisch: Die meisten Inder auf der Straße tragen tatsächlich sehr fröhliche Farben – mit abwechslungsreichen Mustern, Stickereien und Glitzerpaletten. Dementsprechend farbenprächtig war auch das Stofflager in den Schneidereien. Selbst ich, die ich es sonst eher dezent mag, bin da ins Schwärmen geraten. Fast hätte ich mir einen dreiteiligen Salwar Kameez, auch Panjabi Suit genannt, schneidern lassen. Das ist eine typische Kleidung der Mädchen und jungen, unverheirateten Frauen in Indien, bestehend aus einer Hose, einem knielangen Oberteil und einem Tuch (zum Abdecken der Schultern). Aber da mir nicht mindestens drei Anlässe einfallen, zu denen ich den Salwar Kameez auch in Deutschland tragen könnte, habe ich den Kauf noch einmal aufgeschoben. Wenn am Ende noch Geld übrig bleiben sollte, wäre das mein potentielles Erinnerungsstück. Also nicht traurig sein – vielleicht kommt Ihr am Ende doch noch in den Genuss, mich in traditioneller indischer Kleidung zu sehen!

 

4.2.08 22:44


Sightseeing-Tour durch Pune

Der Jet-Lag liegt mir auch jetzt noch in den Knochen. Es sind zwar nur viereinhalb Stunden Zeitunterschied zu Deutschland, aber mein gesamter Biorhythmus ist dennoch aus den Fugen geraten. Ich laufe wie benommen durch die Stadt, zur Arbeit und zurück und bin ständig müde. Wer weiß, wie viel davon nicht etwa Schlafmangel ist als vielmehr Reizüberflutung. Nicht mal Barcelona oder Paris sind so lebendige Städte wie Pune. Es gibt so viel zu sehen, zu hören, zu riechen … und das alles in schnellster Abfolge. Puh …

Um jedoch mit Pune und Indien allgemein etwas vertrauter zu werden, hat unser Personalchef heute höchstpersönlich eine Sightseeing-Tour durch die Stadt mit uns unternommen … und uns dabei auch viel über den indischen Alltag erzählt. Learning by doing natürlich: Wir sind in Ganesh-Tempel gegangen und haben die dortigen Prozeduren verfolgt. Wir waren in engen Einkaufsstraßen, die nicht für Touristen gedacht sind, sondern für den Durchschnittsinder. Wir sind durch den Sarabaug-Park spaziert, in dem die einheimische Bevölkerung chilled und picknickt. Und natürlich waren wir auch in einem kleinen, massig überfüllten, typisch indischem Restaurant und haben mit der rechten Hand Naan in Curry-Gerichte gestukt.

Auf den Bildern habe ich einige dieser Momente festgehalten. Zuerst seht Ihr den Sarabaug-Park mit seinem wunderschönen Seerosen-Teich, der Monet bestimmt auch gefallen hätte und an dem abends immer die Liebespärchen von Pune die Hände halten sollen. Die Wiesen sind ebenfalls von Pärchen einerseits und von ausflügelnden Schulklassen andererseits bevölkert, oft mit einem Luftballon in der Hand als Landmarke für „Ihr Territorium“ – nirgends habe ich so viele Luftballon-Verkäufer außerhalb der europäischen Weihnachtszeit gesehen wie im Sarabaug-Park.

 In der Mitte des Parks, umgeben von Teich und Schwänen befindet sich DER Ganesh-Tempel von Pune. Die Schuhe mussten wir an den Stufen zum Tempeleingang ausziehen und die Schultern und Oberarme mit unseren Halstüchern verdecken. Dann durften wir zwischen die rot getünchten Säulen treten, die in einem bunten 1001-Nacht-Zwiebeltürmchen endeten. Was erstaunt, ist, dass die Tempel im Gegensatz zu Gotteshäusern anderer Religionen, die ich bisher kenne, so offen sind! Jeder kann ungehindert in den Tempel reingucken und aus dem Tempel hinausgucken. Lediglich der Ganesh-Altar selbst ist in einem quadratförmigen Häuschen am hinteren Ende der Tempelanlage gegen allzu viele Blicke geschützt. Und was mich auch ganz fasziniert hat, war die schellende Glocke am Tempeleingang, die jeder Hindu mit Gebets- oder Meditationsabsicht laut klingend betätigte, bevor er einen Fuß auf die Tempelfliesen setzte. Dadurch hat es ständig geklingelt und geläutet – wie Musik. Ich mochte das ungemein.

Schließlich seht Ihr auf dem letzten Foto einen Ausschnitt aus einer typisch indischen Einkaufsbummelstraße: weil ich ein Mädchen bin, natürlich von einem Schmuckstand, höhö. Er hat so schön bunt geglitzert in der Sonne und war damit so exemplarisch für alle anderen Stände, die ich dort gesehen habe: Tücher, Saris, Salwars, Deko-Accessoires für das Heim, Kultobjekte in allen möglichen Farben und aus allen möglichen Materialien, natürlich Armbanduhren-Stände en masse etc. etc. …Es bleibt kein Zweifel, dass die Inder Kitsch mögen wie die Japaner die neuesten Errungenschaften der Technik.

4.2.08 22:46


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