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Und weg ist sie …

Hmm, ich denke, ich bin einigen von Euch eine Erklärung schuldig. Denn nur wenige von Euch wissen, was ich in den letzten vier Wochen in meinem stillen Kämmerchen geschmiedet habe: ein sechsmonatiges Praktikum in Indien! Seid mir bitte nicht böse – ich selbst habe, glaube ich, bis zum letzten Moment nicht wirklich realisiert, dass ich das tatsächlich machen würde. Und dann war es einfach nur noch stressig: Diplom verteidigen, Arbeitsamt besuchen, Impfungen einholen, Visa beantragen, Versicherungen kündigen und neu abschließen, Umzug, Sachen für ein halbes Jahr packen … es blieb kaum Platz zum Luftholen.

Mein Praktikum werde ich in einer Premedia-Firma für Verlagserzeugnisse machen. Mein Einsatzgebiet umfasst die verschiedensten Abteilungen in der Druckvorstufe: Bildbearbeitung und ‑reproduktion, Pagination, Proofreading, Pre-Editing, E-Retailing, Webanimation sowie Qualitätssicherung. Ich werde die einzelnen Abteilungen für je einen Monat durchlaufen und danach hoffentlich ein (kleiner) Profi in InDesign, Photoshop, Illustrator, GoLive und Dreamweaver sein. Vielleicht schaffe ich dadurch auch den Sprung vom weniger BWL-lastigen Verlagswesen in die Kreativwerkstatt eines anderen Medienunternehmens. Oh, das ist ein schöner Traum!

Aber nun erstmal mehr zu meinem baldigen Verweilort: Meine Praktikumsfirma befindet sich in einem ziemlich „modernen“ Viertel der Stadt Pune, vier bis fünf Autostunden westlich von Mumbai entfernt. Nach Mumbai wiederum fliegt man von Frankfurt ungefähr siebeneinhalb Stunden. So kommt es zu einer Zeitverschiebung von viereinhalb Stunden. Das heißt, wenn ich nach Hause komme, habt Ihr gerade mal Mittagspause – falls es Euch tröstet: dafür stehe ich schon auf, während Ihr selig schlaft und Euch noch dreimal umdrehen könnt. Ich bitte dies zu beachten, wenn Ihr Euch telefonisch beschweren wollt, dass ich Euch nichts früher von meinem Vorhaben erzählt habe.

Pune gilt als kulturelle Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra und wird in manchen Büchern sogar als das „Oxford von Indien“ bezeichnet, weil hier so fleißig geforscht, studiert und modernisiert wird. Mit seinen 3,8 Millionen Einwohnern ist Pune größer als Berlin (!). Laut Lonely Planet sei Pune eine typische indische Stadt der Gegensätze. Arm und Reich, alte und neue Welt sollen hier schroff aufeinander stoßen, sogar teils ineinander verwoben sein. Ich bin gespannt, wie ich damit zurechtkomme. Falls Ihr das auch wissen möchtet, freue ich mich natürlich über jedwede Nachricht von Euch – Ihr könnt frei wählen zwischen Skype, ICQ, E-Mail und Telefon – das habe ich alles nur für Euch eingerichtet Natürlich werde ich auch auf dieser Seite versuchen, Euch auf dem Laufenden zu halten … Bis dann!

P.S. Auf dem Foto seht Ihr die Mädels, mit denen ich das Praktikum mache.

 

26.1.08 17:03


Ich mache für sechs Monate ein Praktikum in Indien …

Wahnsinn! Selbst als ich in der Boing 747 von Frankfurt nach Mumbai saß und mein erstes echtes indisches Lunch in 10700 Meter Flughöhe zu mir nahm, umringt von dunkelhäutigen, lächelnden Menschen, fühlte sich der Gedanke noch ganz unwirklich an. Und auch vier Tage nach meiner Ankunft wandle ich fast wie im Traum durch die Straßen und erlebe alles wie durch die Augen einer Fremden. Wahrscheinlich ist das eine der vielen Varianten des Kulturschocks, die ich gerade durchlebe. Dabei dachte ich, dass ich mich gut auf meinen Aufenthalt hier vorbereitet hätte: Unterhaltungen mit Indienreisenden, Reiseführer en masse, Arundhati-Roy-Romane, indisches Essen bei Ravi-Shankar-Musik und schließlich zwei Schulungstage in der deutschen Mutterfirma. Aber was eigentlich erwarte ich als ahnungslose Europäerin, die zuvor noch nie den eigenen Kontinent verlassen hat? … von La Réunion einmal abgesehen. Bücher, Bilder, Lieder und Unterhaltungen sind nun einmal nur winzige Puzzle eines Gesamtbildes. Und so überwältigen mich schier die vielen Eindrücke und jeder Tag bringt erneut Momente des Staunens.

Schon die ersten Stunden auf dem indischen Boden waren für mich sehr aufregend. Unser Flieger landete spät nach Mitternacht in Mumbai. Sobald wir das Flughafengebäude verließen, umfing uns lauwarme Luft und der Geruch der Subtropen. Vor dem Flughafen machte ich dann auch gleich die Bekanntschaft mit einem geschäftstüchtigen indischen Taxi-Fahrer, der mich zielstrebig freundlich begrüßte und dann freudig mein Gepäck zu seinem Wagen schob, so dass ich annahm, er sei der Mann, der uns im Auftrag unserer Firma abholen sollte. Erst nach zehn Metern merkte ich, dass es da noch einen ganz anderen Mann gab, der tatsächlich ein Schild mit unseren Namen hochhielt. Und dann ging es bei lauter Bollywood-Musik in vier Stunden von Mumbai nach Pune – fast eineinhalb Stunden davon allein durch Mumbai, die Stadt der fast siebzehn Millionen Einwohner auf 440 km². Es war faszinierend für mich.

Ich kann mich an Halbwüchsige und kleine Lagerfeuer an jeder Straßenecke erinnern, an kleine Tee-Stände mit Blumengirlanden, an überall herumstreunende Hunde, an Hunderte von Rikshas und bunten Altären am Straßenrand und an Glas-Stahl-Neubauten neben Hütten aus Stoff, Pappe und Blech. Ich meine, auch das Meer gesehen zu haben und viele Palmen-Haine. Doch letztlich war ich zu müde, um die gesamte Fahrtzeit aufmerksam hinauszugucken. Wenngleich an Schlaf nicht wirklich zu denken war. Denn in Indien wird gehupt, wo in Europa der Blinker gesetzt wird. Und das reicht wahrscheinlich noch nicht einmal, um das Hupintervall eines indischen PKWs zu beschreiben. Jede Riksha, jeder Radfahrer, jedes Moped und jeder Fußgänger, der mangels eines Bürgersteiges auf der Straße laufen muss, wird angehupt: „Achtung, jetzt kommt ein schneller PKW.“ Das heißt, es herrscht ein permanent hoher Lautstärke-Pegel in der Stadt. Unterhaltungen auf offener Straße sind z. T. nur im Schreien und mit dem unmittelbaren Nachbarn möglich.

Wir sind insgesamt sechs Praktikanten und untergebracht in zwei geräumigen Appartements für je drei Leute. Unsere Firma lässt sich für unsere noble Unterkunft wohl einiges kosten, denn von mehreren Seiten habe ich nun schon gehört, dass in unserem Wohnareal die „Higher Society“ von Pune wohne. Es besteht aus achtstöckigen Gebäuden, die eingerahmt sind von kleinen Grünflächen, auf der nachmittags die Kinder toben – das erinnert mich immer ein wenig an meine Leipziger Studentenbude mit dem Kindergarten unten dran. So fühle ich mich gleich etwas heimischer. Ich bin zusammen mit der Irene und der Sara im sechsten Stock untergekommen. Von unserem Balkon aus können wir in den Swimmingpool spucken, der zu unserer Anlage gehört – er wird allerdings kaum genutzt, weil er eher eine Prestigefunktion als eine Erfrischungsfunktion innehat. Und die Aussicht ist buchstäblich staubig. Gleich nebenan wird ein neuer, bestimmt 50 Meter langer Wohnblock gebaut, an dem in drei Schichten ohne Unterlass gehämmert und gemeißelt wird. Ohne Ohropax würde ich hier kein Auge zumachen. Und hinter der Baustelle erstreckt sich scheinbar unendlich die Stadt Pune. An etwas smogfreieren Tagen kann ich bis zu den Sahayadari-Bergen gucken. Doch in aller Regel liegt ein dicker Abgasschleier über den Dächern.

 

Die ersten drei Tage waren wirklich schwierig für mich. Bettelnde Kinder liefen minutenlang neben mir her, hungrige Witwen zogen an meinem Shirt-Zipfel, ich war total überfordert. Es ist wirklich nicht leicht, scheinbar unberührt weiterzugehen und nicht doch etwas Essbares oder ein paar Rupien in die schmalen Hände zu drücken. Ich kann es auch nicht genießen, dass barfüßige Frauen unser Appartement säubern, während wir faul auf dem Sofa chatten. Und obwohl meine armen Lederschuhe – Annika verzeih mir: es sind Deine – dringend mal etwas Pflege bräuchten bei so viel Sand und Holperstein, bringe ich es nicht über’s Herz, den kleinen Jungen mit seinem Putzkasten an unserer Straßenecke anzuheuern, weil ich mir viel zu feudal vorkäme. Aber andererseits könnten die Vertreter der unteren Kasten es mir auch krumm nehmen, dass ich ihre Dienste nicht zu schätzen weiß und vermeintlich geizig alles alleine erledigen will – Sabine berichtete mir vom Senegal, dass es dort üblich sei, ja sogar erwartet würde, dass die Reicheren die Ärmeren beschäftigten, um ihnen damit das tägliche Brot zu finanzieren. Ich bin sehr unsicher, wie ich mit der offensichtlich großen Armut hier umgehen soll.

30.1.08 22:27





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