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Namaste!

Da ich zusammen mit drei deutschen und zwei niederländischen Mädels angereist bin, reden wir tatsächlich die meiste Zeit Englisch und ich muss dabei immer und immer wieder über meinen Schatten springen. Ihr alle wisst, wie ich mir die Zunge breche bei der englischen Aussprache. Ab und zu quatsche ich meine armen Mitmenschen durchaus auch mal in Französisch voll, bis ich merke, dass da gerade mächtig was schief läuft. Geht Euch das auch so mit Euren Fremdsprachen? Ich werde noch ganz kirre. Aber jeden Tag fließen die englischen Wörter schon etwas weniger störrisch über meine Lippen. Und meine indischen Mitmenschen, die einen ganz eigenwilligen Akzent haben, verstehe ich auch immer besser.

Überhaupt war die erste große Herausforderung für mich, mir die Namen meiner Kollegen zu merken. Da ich noch nie zuvor mit Wörtern auf Hindi zu tun hatte, von den vielen Bollywood-Filmen einmal abgesehen, kamen mir anfangs die Namen wie eine beliebige Aneinanderreihung von Konsonanten und Vokalen vor. Ständig verwechselte ich die Silben und ganz andere Gesichter, als die ursprünglich angerufenen, drehten sich zu mir um. Dann blieb mir nur ein Wallace&Gromit-Lächeln und ein kurzes Sorry. Zum Glück haben die indischen Kollegen mit unseren europäischen Namen ein ähnliches Problem, so dass sie da sehr verständnisvoll reagieren.

Übernächste Woche soll dann auch unser Marathi-Sprachkurs beginnen. Marathi ist die regionale Form des Hindi, die im hiesigen Bundesstaat Maharashtra gesprochen wird. Zwei „Sätze“ kann ich sogar schon:

Namaste! = Hallo! … und

Ap’ne kya kaha? = Was hast Du gesagt?

Ich denke, dass ist ein guter Anfang, … der durchaus auch nützliche Aspekte hat: Denn einige Riksha-Fahrer sprechen kein Englisch, so dass wir nur mittels dieser zwei Phrasen über Zielort und Preis verhandeln können. Manchmal hilft in der Kommunikation mit den „Einheimischen“ auch mein Bildwörterbuch. Was bin ich Euch dankbar, meine Lieben in der Bornaischen Straße: wer hätte gedacht, dass Euer Abschiedsgeschenk schon so bald so unentbehrliche Dienste leistet!

In den ersten Arbeitstagen mussten wir dreimal das Registration Office besuchen, um uns und unseren Wohnsitz in Pune zu melden. Mir kommt es manchmal wirklich so vor, als seien die Einreisebestimmungen für Indien komplizierter als die für Deutschland – das habe ich schon bei meinem Visa-Antrag in Berlin zu spüren bekommen. Die indische Bürokratie ist für mich undurchschaubar. Die Büros sehen aus wie Archive für alte Zeitschriften, wo lose Blätter mit stinknormaler Strippe zusammengeschnürt und scheinbar ohne jede Ordnung auf einem Regal bis zur Decke hochgestapelt werden – sonnenvergilbt und geziert mit einer fetten Staubschicht. Aber ich habe mir sagen lassen, dass trotzdem (fast) jedes Schriftstück auch noch nach Jahren auffindbar sei. Und so hoffe ich, dass ich hier ein halbes Jahr ganz offiziell verbleiben darf.

Die Fahrt zum Registration Office war schon mal eine erste kleine Stadtrundfahrt für uns. Wir haben zwei Kamele, einen Ochsenkarren und etliche wild lebende Kühe getroffen. Fast eine halbe Stunde ging es mit der Riksha auf holpriger Straße quer durch die Stadt - sogar über einen der beiden großen Flüsse, die sich noch ihrem natürlichen Lauf folgend durch Pune schlängeln: Mutha und Mula. Von weitem sehen sie richtig wild-romantisch aus, aber ich denke, dass meine Lust auf eine Kanufahrt schnell verfliegen würde, sobald ich in ihre Riechweite komme. Denn die benachbarten Slum-Bewohner sind oft gezwungen, dort ihre Notdurft zu verrichten. Aber eine kleine Stippvisite werde ich mir trotzdem wohl nicht nehmen lassen.

 

2.2.08 12:32


Vom Yogi-Tee zum Salwar Kameez

Bestimmt kennt Ihr das Gefühl, dass Tage mehr als 24 Stunden zu haben scheinen, je enger sich die Ereignisse aneinanderreihen. Ich bin erst zwei Wochen in Indien, aber sie kommen mir fast vor wie zwei Monate. Ich bin von weit mehr Neuem umgeben, als ich fähig wäre, an einem einzigen Tag zu verarbeiten. Wie ein kleines Kind gucke und staune ich immer noch, was um mich herum passiert. Erst langsam stellt sich so etwas wie Alltag ein.

Die zweite Arbeitswoche habe ich damit begonnen, dass ich mich in die Tee-Zeremonie meiner indischen Kollegen integriert habe. Das heißt, jeden Tag um zehn Uhr beginnt in der Frühstückspause die Völkerwanderung zum 50 m entfernten Tee-Stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo schon ein großer Kessel voller Yogi-Tee wartet und für uns in fingerhutgroße Plastikbecher abgefüllt wird. Keine Ahnung, ob das Wasser darin zuvor auch tatsächlich gut abgekocht wurde oder ob die Milch vom Büffel nicht vielleicht doch direkt vom Euter in den Kessel gespritzt wurde – unerschrocken, wie ich bin, habe ich bisher keine Probleme mit dem Magen.

In den Restaurants esse ich auch hemmungslos alles, was mir vorgesetzt wird – schließlich möchte ich die indische Kultur richtig kennen lernen, hehe ;-) … Mit Vorliebe nehme ich die Gerichte, unter denen ich mir nichts vorstellen kann. Die Speisekarten sind eh alle zumeist in Hindi verfasst. Was mir schmeckt, wird in mein Reisetagebuch unter der Rubrik „zu empfehlen“ abgepinselt. Was fürchterlich aussah oder geschmeckt hat, kommt in die Rubrik „interessante Erfahrung“. Derzeit ist die letzte Rubrik erst rar beschrieben. Die indische Küche ist nämlich echt super lecker. Häufig essen wir weit über den Hunger hinaus und können uns dann kaum noch nach Hause bewegen.

Die letzten Praktikanten sollen deshalb im Durchschnitt fünf Kilogramm zugenommen haben. Drum gehe ich schon jetzt immer jeden Morgen für eine Dreiviertelstunde fleißig ins „Fitness-Studio“, das zu unserer Wohnanlage gehört und aus drei Sportgeräten, einem Billardtisch und sechs Iso-Matten besteht. Meist setze ich mich aufs Fahrrad und stelle mir vor, wie ich durch Leipzig radele, das Elsterflutbecken entlang, in den Wildpark hinein und einmal um den Cospudener See herum. Damit baue ich mich auch mental etwas auf. Denn ein richtiges Fleckchen Natur konnte ich bis jetzt in Pune noch nicht wirklich ausfindig machen. Selbst in den wenigen Parks wird der Abfall einfach auf den Boden geworfen und stapelt sich, vom Wind zusammengefegt, an irgendeiner Ecke oder unter irgendeinem Baum. Die Müllbehälter in ganz Pune lassen sich sicherlich an zwei Händen abzählen. Aber ich lasse mich nicht entmutigen und suche eifrig weiter nach dem „unberührten Grün“ und etwas Vogelgezwitscher. Schließlich sind wir in Indien gerade mitten im Frühling!

Gestern haben die wagemutige Sara und ich allein eine Riksha-Fahrt quer durch die Stadt unternommen, um die zwei einzigen „großen“ Buchhandlungen in Pune zu besuchen. Wegen der Gewichtsbeschränkung für unser Reisegepäck mussten wir noch in Deutschland all unsere Bücher wieder auspacken, um einige Kilogramm gut zu machen. Und nun stehen wir beide ohne Bettlektüre da – schlimm, schlimm. Das wollten wir schnellstmöglich ändern. Aber selbst ein mittelmäßig geordnetes Antiquariat in Deutschland ist noch eine Luxus-Buchhandlung im Vergleich zu den Geschäften, die wir gestern gesehen haben. Zudem sind die meisten Bücher hier Importe aus Großbritannien oder den USA und deshalb mit Preisen in Pfund oder US-Dollar versehen. Die Preisbestimmung war ein einziges Rätselraten und endete meist in horrenden Ergebnissen. Mich erstaunt es kaum, dass die indische Bevölkerung so wenig liest, wenn all die Bücher zehnmal so teuer wie ein Mittagessen und gleichzeitig so angegammelt sind. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist echt miserabel – oder ich muss lernen, besser zu verhandeln. Von allen Seiten wurde mir nämlich berichtet, dass die Buchpreise, entgegen meinen gestrigen Erfahrungen, sehr niedrig sein sollen. Naja, immerhin habe ich eine Sonderausgabe von Montgomery’s „Anne of Green Gables“ aufgespürt – einen großen Dank an Anett und Esther, dass sie mir die Triologie mal ans Herz gelegt haben, sonst wäre ich wohl mit leeren Händen nach Hause zurückgekehrt!

 

Unser Ausflug war auch deshalb lohnenswert, weil wir gleich neben der Buchhandlung eine kleine, unscheinbare Passage entdeckt haben, in der sich ein Schneider neben den anderen reiht, zwischendurch nur durch glitzernde, kitschige Schmuckläden unterbrochen. Auch wenn die Bollywood-Filme sonst total idealisiert sind, so bleiben sie doch in der Kleidung und in den Accessoires der Darsteller recht authentisch: Die meisten Inder auf der Straße tragen tatsächlich sehr fröhliche Farben – mit abwechslungsreichen Mustern, Stickereien und Glitzerpaletten. Dementsprechend farbenprächtig war auch das Stofflager in den Schneidereien. Selbst ich, die ich es sonst eher dezent mag, bin da ins Schwärmen geraten. Fast hätte ich mir einen dreiteiligen Salwar Kameez, auch Panjabi Suit genannt, schneidern lassen. Das ist eine typische Kleidung der Mädchen und jungen, unverheirateten Frauen in Indien, bestehend aus einer Hose, einem knielangen Oberteil und einem Tuch (zum Abdecken der Schultern). Aber da mir nicht mindestens drei Anlässe einfallen, zu denen ich den Salwar Kameez auch in Deutschland tragen könnte, habe ich den Kauf noch einmal aufgeschoben. Wenn am Ende noch Geld übrig bleiben sollte, wäre das mein potentielles Erinnerungsstück. Also nicht traurig sein – vielleicht kommt Ihr am Ende doch noch in den Genuss, mich in traditioneller indischer Kleidung zu sehen!

 

4.2.08 22:44


Sightseeing-Tour durch Pune

Der Jet-Lag liegt mir auch jetzt noch in den Knochen. Es sind zwar nur viereinhalb Stunden Zeitunterschied zu Deutschland, aber mein gesamter Biorhythmus ist dennoch aus den Fugen geraten. Ich laufe wie benommen durch die Stadt, zur Arbeit und zurück und bin ständig müde. Wer weiß, wie viel davon nicht etwa Schlafmangel ist als vielmehr Reizüberflutung. Nicht mal Barcelona oder Paris sind so lebendige Städte wie Pune. Es gibt so viel zu sehen, zu hören, zu riechen … und das alles in schnellster Abfolge. Puh …

Um jedoch mit Pune und Indien allgemein etwas vertrauter zu werden, hat unser Personalchef heute höchstpersönlich eine Sightseeing-Tour durch die Stadt mit uns unternommen … und uns dabei auch viel über den indischen Alltag erzählt. Learning by doing natürlich: Wir sind in Ganesh-Tempel gegangen und haben die dortigen Prozeduren verfolgt. Wir waren in engen Einkaufsstraßen, die nicht für Touristen gedacht sind, sondern für den Durchschnittsinder. Wir sind durch den Sarabaug-Park spaziert, in dem die einheimische Bevölkerung chilled und picknickt. Und natürlich waren wir auch in einem kleinen, massig überfüllten, typisch indischem Restaurant und haben mit der rechten Hand Naan in Curry-Gerichte gestukt.

Auf den Bildern habe ich einige dieser Momente festgehalten. Zuerst seht Ihr den Sarabaug-Park mit seinem wunderschönen Seerosen-Teich, der Monet bestimmt auch gefallen hätte und an dem abends immer die Liebespärchen von Pune die Hände halten sollen. Die Wiesen sind ebenfalls von Pärchen einerseits und von ausflügelnden Schulklassen andererseits bevölkert, oft mit einem Luftballon in der Hand als Landmarke für „Ihr Territorium“ – nirgends habe ich so viele Luftballon-Verkäufer außerhalb der europäischen Weihnachtszeit gesehen wie im Sarabaug-Park.

 In der Mitte des Parks, umgeben von Teich und Schwänen befindet sich DER Ganesh-Tempel von Pune. Die Schuhe mussten wir an den Stufen zum Tempeleingang ausziehen und die Schultern und Oberarme mit unseren Halstüchern verdecken. Dann durften wir zwischen die rot getünchten Säulen treten, die in einem bunten 1001-Nacht-Zwiebeltürmchen endeten. Was erstaunt, ist, dass die Tempel im Gegensatz zu Gotteshäusern anderer Religionen, die ich bisher kenne, so offen sind! Jeder kann ungehindert in den Tempel reingucken und aus dem Tempel hinausgucken. Lediglich der Ganesh-Altar selbst ist in einem quadratförmigen Häuschen am hinteren Ende der Tempelanlage gegen allzu viele Blicke geschützt. Und was mich auch ganz fasziniert hat, war die schellende Glocke am Tempeleingang, die jeder Hindu mit Gebets- oder Meditationsabsicht laut klingend betätigte, bevor er einen Fuß auf die Tempelfliesen setzte. Dadurch hat es ständig geklingelt und geläutet – wie Musik. Ich mochte das ungemein.

Schließlich seht Ihr auf dem letzten Foto einen Ausschnitt aus einer typisch indischen Einkaufsbummelstraße: weil ich ein Mädchen bin, natürlich von einem Schmuckstand, höhö. Er hat so schön bunt geglitzert in der Sonne und war damit so exemplarisch für alle anderen Stände, die ich dort gesehen habe: Tücher, Saris, Salwars, Deko-Accessoires für das Heim, Kultobjekte in allen möglichen Farben und aus allen möglichen Materialien, natürlich Armbanduhren-Stände en masse etc. etc. …Es bleibt kein Zweifel, dass die Inder Kitsch mögen wie die Japaner die neuesten Errungenschaften der Technik.

4.2.08 22:46


Malavli und Lonavla

Nachdem die dritte Arbeitswoche doch sehr anstrengend war, habe ich mich gestern mit einem „Samstag im Grünen“ belohnt – doch, um Missverständnissen vorzubeugen, sollte ich, die Klimazone berücksichtigend, wohl eher von einem „Samstag im Ockerfarbenen“ sprechen. Trotz Grün-Mangels war der Ausflug aber sehr erholsam. Denn ein bummliger Regionalzug brachte Sara und mich in früher Morgenstunde mal raus aus dem ganzen Lärm, dem Dreck und dem Gedränge der Großstadt Pune. Die Fahrt ging Richtung Westen in den kleinen, von Hügeln umgebenen Eisenbahnort Malavli und von dort mit der Riksha zehn Minuten durch ein breites Tal zu den legendären Karla Caves.

Hinter den Karla Caves verbirgt sich eine in Felsen geschlagene Siedlung buddhistischer Mönche aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, ausgestattet mit einem wunderschönen, 40 m langen und 15 m hohem Höhlentempel. Da wir neben pilgernden Hindis die einzigen (weißen) Besucher waren, scheinen die Karla Caves wirklich noch ein Geheimtipp unter den Touristen zu sein, was sie sehr authentisch macht. Es war für mich wirklich ein erhebender Moment, vor diesem alten Heiligtum zu stehen, mit so ganz anderen Ornamenten und Skulpturen, als ich es aus Europa gewohnt bin. Erst recht, als ich sah, dass dies alles nicht der Vergangenheit angehört, sondern ganz im Gegensatz noch ganz aktiv von den Anwohnern zur Meditation und zum Beten genutzt wird. Überall wurden Blumenkränze, Kokosnüsse und Süßigkeiten geopfert. Vielleicht bin ich sogar Zeuge einer lebenden Hochkultur geworden. Wahnsinn!

 

Ich hätte von diesem Platz wohl auch eine durchweg schöne Erinnerung, wären die Höhlen nicht von unvorstellbar großen Bienenvölkern bewohnt gewesen, die Sara und mich in Angst und Schrecken versetzt haben: Ahnungslos wollten wir, einem schmalen Pfad folgend, den gesamten Felsen umrunden und fanden uns plötzlich in einem riesigen Schwarm von Bienen wieder, der wie in einem Heuschrecken-Szenario als dunkle Wolke am Himmel  immer näher kam, uns bestimmt zwei Minuten umschloss und dann genauso schnell wieder verschwunden war. Hitchcock live, das sage ich Euch. Die ganze Zeit habe ich an „My Girl“ gedacht und chique Schweißperlen auf der Stirn wachsen lassen. Aber wir haben keinen einzigen Stich bekommen und konnten unsere Gemüter eine viertel Stunde später mit einer extra großen Packung Chikki wieder beruhigen. Chikki ist ein für die Region typisches Süßgebäck in Tafel-Schokolade-Format, zubereitet mit Nüssen, Sesam oder Kokos. Sehr zu empfehlen! Einige indische Großstädter sollen nur wegen eines „süßen Picknicks“ hierher kommen und nicht mal wegen des Tempels …

 

Bevor es gegen Mittag dann von Malavli eine Zugstation weiter nach Lonavla ging, sind wir auch noch in einem ganz klassischen indischen Straßenrestaurant in Bahnhofsnähe eingekehrt, um dem Süßen noch etwas Herzhaftes folgen zu lassen. Da uns die vielen Fliegen auf dem Essen nachdenklich stimmten, wurden uns ganz frisch Wada-Pavs zubereitet – und die sind ja echt noch leckerer als Chikki. Wada-Pav ist DER Indian Burger schlechthin und wird fast an jeder Ecke als kleiner Snack für Zwischendurch angeboten. Er besteht aus einem kleinen Brot mit einem frittierten Kartoffel-Gemüse-Ball drin und irgendetwas anderem, was dem Ganzen eine grüne Farbe verleiht. Auf dem Foto seht Ihr sie links ganz unten – und gleich dahinter unsere fleißigen Köche. Sie waren ganz stolz, dass wir bei Ihnen einkehrten und fragten uns neugierig über alle Details unserer Reise aus. Im Gegenzug wurden wir verwöhnt wie Rajs, Könige. Ich habe selten so viel gelacht und ein weiteres Mal die große Gastfreundschaft der Inder genießen können.

Viel zu früh nach meiner Meinung mussten wir uns schon wieder verabschieden, um mit unseren dicken Bäuchen zum Bahnhof zu eilen und dort den Zug ins ungefähr 20 Minuten entfernte Lonavla zu kriegen. Die Fahrt war ebenfalls sehr unterhaltsam, denn in unserem Abteil waren wir von einer Schar Grundschüler umgeben. In Indien gehen die Schüler nämlich nicht nur werktags, sondern auch jeden zweiten oder gar jeden Samstag zur Schule. Der Weg dorthin ist für so kleine Zwerge im deutsch-indischen Vergleich oft genug unverhältnismäßig lang und wird daher mit dem Zug oder dem Bus zurückgelegt. Die Fahrtzeit verkürzen sich die Kinder dadurch, dass sie entweder kleine, originelle Handspiele erfinden oder, etwas strebsamer, ihre Hausaufgaben erledigen. Ich war hierbei ganz fasziniert vom Sanskrit, das ihnen so leicht von den Fingern ging und so wunderbar verschnörkelt ein Blatt nach dem anderen füllte. Und ich fand die großen braunen Kinderaugen so schön, die neugierig die Bilder von den Karla Caves auf unseren Webcams bestaunten und dabei strahlten, als würden wir dort einen kleinen Trickfilm abspielen. Einen wahren Freudenausbruch aber löste ich wohl aus, als ich ein Foto von ihnen machen wollte.
 
Indische Kinder lieben es, fotografiert zu werden. Mein hierzu einprägsamstes Erlebnis spielte sich in Lonavla selbst ab, in einem Park, wo eine Schulklasse Picknick machte: Als wir den Park betraten, winkten sie uns schon von Weitem zu – und als ich dann meinen Fotoapparat herausnahm, kamen sie auf mich wie auf einen Bonbonverkäufer zugestürmt. Um auf dem Bild zu sein, riefen sie bunt durcheinander, sprangen in die Höhe und streckten die Arme gen Himmel. Ich konnte mich in der Kindertraube kaum noch bewegen. Das Bild muss ich Euch unbedingt zeigen. Wenn alle meine Foto-Models so kooperativ wären, könnte ich mich schon morgen bei National Geographic bewerben, hihi.

Und dann habe ich noch etwas sehr Essentielles über die indische Kultur gelernt. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, dass Inder tatsächlich nie den Satz “Das weiß ich nicht” über die Lippen bringen können … und stattdessen lieber das Blaue vom Himmel lügen. Ich hielt das für ein gemeines Klischee. Aber gestern wurde es mir am eigenen Leib bestätigt: In Lonavla angekommen, fragten wir uns nach dieser oder jener Sehenswürdigkeit durch und wurden kontinuierlich im Zick-Zack durch die Stadt geschickt – häufig genug in die entgegengesetzte Richtung, als wir eigentlich hätten gehen müssen. Grrr … Als wir das am Abend erzählten, wurden wir von unseren indienerfahrenden Mitreisenden nur ausgelacht: Sie empfahlen uns für die Zukunft, uns nie in Bewegung zu setzen, bevor uns nicht mindestens drei Inder die gleiche Auskunft erteilt hätten – erst dann könne man von der richtigen Wegbeschreibung ausgehen. Wahnsinn! Gestern haben irgendwann die Füße geschmerzt – aber heute kann ich schon wieder drüber lachen.

Und zum Schluss muss ich noch eine ganz wichtige Korrektur vornehmen: die Bücher in Indien sind tatsächlich sehr viel preiswerter als in Europa. Wir haben den Sonntagnachmittag bei Landmarks Bookshop verbracht, der entgegen Maneers, der Buchhandlung, von der ich letzte Woche geschrieben habe, wirklich super sortiert war und viele Sonderangebote bereithielt. Während Ihr den „Drachenläufer“ von Hosseini vielleicht gerade in Deutschland in den Kinos guckt, werde ich ihn also abends endlich in englischer Buchausgabe erleben: für zwei Euro. Juppieh! 

  
18.2.08 18:06


Murud Janjira

Bevor ich weiterschreibe, muss ich an dieser Stelle noch mal die liebe Eilika hervorheben, ohne die mein Weblog nicht wäre, was es ist. Ohne sie könnte ich Euch all die schönen Fotos nicht zeigen, die ich so unterwegs schieße. Wenn Ihr also mal in Leipzig in der Bornaischen Straße seid, müsst Ihr ihr unbedingt ein kleines Eis vorbeibringen als Dankeschön! Macht Ihr das für mich? Der Heiko hat schon mal den Anfang gemacht ...

Die Tage vergehen jetzt, wo sich der Alltag allmählich einschleicht, immer schneller. Erneut ist eine Staffel von fünf Arbeitstagen vorbei. Und unser „Overnight Trip on the Beach“,  der uns bei unserer Ankunft im Januar angekündigt wurde und „damals“ noch so fern klang, liegt mit diesem Wochenende auch schon wieder hinter uns. Unsere Firma hatte den Wochenendausflug als eine Art Willkommensgeschenk für seine Praktikanten geplant und dafür ein kleines Fischerdorf an der Küste der Arabian Sea auserwählt: Murud, 170km südlich von Mumbai und fünfeinhalb Autostunden von Pune entfernt. Um den Samstag in voller Länge genießen zu können, wurden wir deshalb bereits am Freitagabend nach der Arbeit samt Gepäck in zwei Kleinbusse verladen und an unseren Bestimmungsort chauffiert.

Der erste Reiseabschnitt verlief gen Mumbai, auf einer freitags total überfüllten Strecke, weil viele Arbeitnehmer aus der Region übers Wochenende daheimgebliebene Verwandte besuchen. So habe ich zum ersten Mal einen indischen Stau auf der Autobahn miterlebt und bin nun endgültig von der Idee geheilt, mir vielleicht doch mal irgendwann einen Mietwagen zu holen, um immer der Nase nach durch die Landschaft zu streunen. Denn einen indischen Stau würde ich wahrscheinlich keine zehn Minuten überleben: nur wer Beulen und Unfälle riskiert, kommt nämlich vorwärts. Nichts für mich.

Der zweite Teil unserer Reise ging dann auf sandigen Straßen durch die Pampa. Irgendwie muss am letzen Freitag ein astrologisch Glück verheißender Tag gewesen sein, denn in jedem noch so kleinen Ort wurde eine Hochzeit gefeiert. Die Musik konnten wir selbst im Auto schon eine ganze Weile hören, bevor wir überhaupt die festlich geschmückte und tanzende Hochzeitsgesellschaft sahen, oft in einem der vielen Lokale direkt an der Straße. Das Gemeine ist, dass Braut und Bräutigam nicht etwa wie in Deutschland durch Charakteristika wie ein weißes Kleid und eine Blume im Knopfloch identifiziert werden können, sondern in Indien meist genauso bunt und glitzernd sind wie ihre Gäste. Dadurch konnte ich die Heiratenden kaum ausfindig machen. Einziges Erkennungsmerkmal: sie stehen in der Mitte des sie umtanzenden Gäste-Kreises. Wenn aber so eng getanzt wird, dass keine Mitte erkennbar ist … Hmm, vielleicht muss ich diesbezüglich meine Augen doch noch etwas schulen.

Nach den Dörfern kamen die Berge. Schrecklich! Serpentinen-Fahrt für eineinhalb Stunden – das ganze mit bis zu 80km/h. Denn wer in Indien ein schnelles Auto hat, muss dies auch allen anderen zeigen! Klar! … Unsere Chauffeure sind gefahren wie die Henker. JEDES Vehikel musste überholt werden – in Kurven, bergauf, bergab, auf nur drei Meter breiten Straßen und natürlich auch auf Straßen mit fußballgroßen Schlaglöchern. Mir ist der Magen in den Hals gerutscht. Auf meine Bemerkung hin, dass uns allen super-übel sei, bekam ich zur Antwort: „Ja, die Straßen sind sehr schlecht!“ Auf die Idee, vielleicht einfach mal langsamer zu fahren, kamen unsere Fahrer selbstverständlich nicht. Als wir spät nach Mitternacht endlich ankamen, konnten wir uns nur noch mit Mühe auf den Beinen halten. Ich denke, ich bin jetzt achterbahnfest.

Doch der Stress der Anreise wurde am nächsten Morgen durch den Blick vom Balkon wieder aufgewogen: Palmen-Haine, Strand, Meer und das verschlafene Örtchen Murud. Im Dorf leben sicherlich nicht mehr als 600 Menschen, also ungefähr so viele wie in meinem kleinen Heimatdorf. Und genau das machte den Ort so attraktiv: keine touristischen Blendungen, sondern das stinknormale Fischerleben, alles ganz ursprünglich und unverfälscht. Und mittendrin durften wir zwei wunderschöne Tage verbringen. Und wurden sogar von Vogelgezwitscher geweckt! Nach meinem Verständnis müssen es Amseln gewesen sein, denn die Uhrzeit hat gestimmt und auch die Anfangsstrophen des Sing-Sangs waren mir sehr vertraut. Aber was danach kam, hörte sich sehr nach dem gurgelnden Verschwinden des letzten Badewannenwassers im Abfluss an – nur viel heller und plätschernder. Ich nehme mal an, dass da das Rauschen des Meeres imitiert wurde, so wie auch deutsche Amseln bekanntlich die Klingeltöne von Handys nachahmen. Für mich war es ein richtiger Kurzurlaub!

Am Vormittag sind wir zum Hafen Rajpuri Port gefahren und haben unterwegs vielen Fischern und Händlern bei der Arbeit zusehen können. Ochsenkarren schleppten allerlei landwirtschaftliche Erzeugnisse durch die Straßen und Frauen trugen auf ihren Köpfen 2 m langes Brennholz. Viele Häuser waren zur Straße hin offen, so dass wir ein wenig in die Fischerbehausungen linsen konnten. Und natürlich gab es auch hier überall Kinder, die uns hinterher rannten und immerzu „Hello! Namasté!“ riefen. Von Rajpuri Port setzen wir auf einem Segelschiff zum Fort Janjira über. Die Festung wurde im 12. Jahrhundert mitten im Meer gebaut und konnte wegen ihrer 12 m hohen Wälle nie erobert werden. Dementsprechend abenteuerlich war auch der Ausstieg vom Segelboot. Eine nicht einnehmbare Festung hat natürlich auch einen schwer zugänglichen Eingang: es gibt kein Anlegeplatz, nicht mal eine kleine Landebrücke! Die Treppen zum Fortinneren beginnen mitten im Meer und wer sie besteigen will, muss wagemutig vom Schiff zu ihnen rüber springen. Keine Ahnung, wie die Statistik für die ins Wasser gefallenen Besucher aussieht. Ich zumindest kam mit zwei nassen Füssen und Schienbeinen davon.

 

Das Festungsinnere erinnerte mich ein wenig am Pompej: verfallene Ruinen mit Blumen und kleinen Bäumchen, die sich ihr Terrain zurückerobern. Aber die reiche Ornamentik an den Wänden und die vielen Säulen ließen erahnen, wie prächtig das Fort mal gewesen sein muss. Angeblich lebten hier einmal über 2000 Menschen. Es war beeindruckend!

Am Nachmittag fuhren Sara, Renée und ich dann noch weiter zum Birla Temple und für ein, zwei Stunden an den Kashid Beach. Der Birla Temple war entgegen den Tempelanlagen in Pune und Malavli sehr neumodisch und streng bewacht. Er hatte nicht so bunte Zwiebeltürmchen und Wände, war aber dafür an der Decke mit unzähligen kleinen Windspielen versehen. Da der Tempel genau am Meer lag, könnt Ihr Euch sicherlich vorstellen, wie schön die Geräuschkulisse war: ein ständiges zartes Klingen und Läuten. Wie die Inder auf die Idee kommen konnten, gleich nebenan eine Bohrinsel zu bauen, ist mir ein Rätsel. Da hat wohl einmal mehr der ökonomische Aspekt über den religiös-meditativen gesiegt.

In Kashid dann haben wir den Tag ruhig ausklingen lassen, waren Muscheln und Steine sammeln, was hier ganz unüblich zu sein scheint, denn viele Inder haben uns dafür ausgelacht. Wir waren DIE Attraktion am Strand: europäische Archäologen! Aber langsam sind wir es gewohnt, mit unseren kleinen Eigentümlichkeiten aufzufallen und haben es humorvoll hingenommen. Schließlich haben ja auch wir immer wieder unseren Spaß mit den fotowütigen Japanern, oder? Und schließlich habe ich meine erste frische Kokosnuss getrunken! Das wird wohl ab sofort mein Erfrischungsgetränk Nummer Eins sein, solange ich in Indien bin.

Den Sonntag haben wir noch mal an einem anderen Strand verbracht: Nagaon Beach ist ein Küstenabschnitt, in dem wie verrückt Kricket gespielt wird. Weit und breit konnte ich nichts anderes sehen als mit Steinen begrenzte Kricket-Felder und Spieler jeden Lebensalters. Die Inder sollen Kricket ja lieben – spätestens seit diesem Anblick bin auch ich davon überzeugt. Wir haben uns mal einen Spaß erlaubt und eine kleine Strandpferdekutsche für zehn Minuten gemietet. Und dann ging es durchs seichte Gewässer vorbei an allen Kricketfeldern und wieder zurück – bei wehendem Winde im Haar. Ich kam mir vor wie eine römische Feldherrin. Eigentlich hätte ich nur noch einen Arm imperialistisch in die Luft strecken müssen ...

25.2.08 16:45





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