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Von Shaniwarwada und anderen Zungenbrechern

Wie jeden Sonntagmorgen so wurde ich auch heute kurz vor Sonnenaufgang vom Gebetsruf der benachbarten Moschee geweckt. Unterhalb der Woche kann ich ihn wegen des starken Berufsverkehrs kaum hören, doch am Sonntag schläft Pune aus und selbst die grässliche Baustelle von nebenan gibt mal Ruhe. Nur die Muslime sind gegen halbsechs schon aktiv … und wenn sich ihre melodischen Suren in meinen Halbschlaf einschleichen, bin ich immer ganz erstaunt, dass ich dann in Indien aufwache und nicht etwa in Marokko, Tunesien oder Ägypten. Ähnlich wie in Deutschland wache ich auch hier oft mit dem Morgengrauen auf und muss dann auch irgendwann vor lauter Langeweile aufstehen. Verdrehte Lerche, die ich bin.

Dabei wollte ich heute wirklich mal ausschlafen. Wir waren gestern den ganzen Tag in der Stadt unterwegs gewesen, um die nächste Staffel von „We discover Pune“ zu drehen. Ob wir eine Sightseeing-Tour machen oder nicht, ist nach fünf Arbeitstagen immer wieder eine schwierige Entscheidung  – große Erschöpfungszustände am darauf folgenden Sonntag müssen hier nämlich stets mit einkalkuliert werden, denn Pune macht einfach mal richtig müde … mit seinen Staus, seinem Lärm, seiner Hektik. Das Ganze bei 30 Grad im Schatten. Nur die Neugierde treibt uns da voran. Deshalb müssen wir sie randvoll in unsere Hosentaschen abfüllen, bevor wir starten, damit unsere Unternehmungslust für vier, fünf Stunden ausreicht. Ich schreibe das, um keine romantischen Vorstellungen von unseren City-Touren per Riksha entstehen zu lassen. Die Fotos, die ich für Euch schieße, beruhen auf harter Arbeit ;-).

Nein, nein, so schlimm ist es natürlich nicht. Selbstverständlich genießen wir auch unsere Ausflüge! Gestern haben wir uns in Central Pune herumgetrieben, einem der ältesten Stadtbezirke. Höhepunkt war eindeutig das Kelkar Museum! Sollte mich tatsächlich mal einer von Euch besuchen kommen, gehört dieses Museum zum Pflichtprogramm. Ausgestellt werden hier indische Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände, die teilweise bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Es waren vor allem die vielen Holzschnitzereien (Skulpturen und Türen) und die altertümlichen Musikinstrumente, die mich fasziniert haben. Ich habe sogar einen freundschaftlichen Plausch mit dem Museumsdirektor halten können, der mir höchstpersönlich einen Überblick über seine wertvolle Sammlung gegeben hat. Unsere Münder standen angesichts der filigranen Kunstwerke die ganze Zeit offen.

Außerdem haben wir uns auf das Fort Shaniwarwada gestürzt – Eure Haare müssten jetzt übrigens eine La-Ola-Welle für meine Gedächtnisleistung machen, denn sich diesen Namen zu merken, ist wirklich eine Herausforderung – aber leider ist Shaniwarwada nicht halb so interessant, wie es der Name und der Eintrittspreis versprechen. Was von der alten Burganlage übrig geblieben ist, sind ein paar Grundmauern, bis auf Knöchelhöhe abgetragen – und nirgends gab es ein paar erklärende Tafeln, die zumindest diese spärlichen Überreste mit Leben gefüllt hätten. Als archäologischer Bildungsbanause konnte ich dem Fort nicht viel Leidenschaft entgegenbringen. Das Schönste war wohl der Anblick der vielen Liebespaare, die sich hinter irgendwelchen dicken Bäumen oder in den Winkeln des Burgwalls versteckten, um heimlich Händchen zu halten. Der Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit, ja überhaupt das Beisammensein zweier Personen unterschiedlichen Geschlechts stößt nämlich selbst im modernen Pune zum Teil immer noch auf gesellschaftliche Missbilligung.

Gelohnt hat sich aber auch der halbstündige Fußmarsch zwischen dem Kelkar Museum und dem Fort. Hier zieren viele kleine Läden den Straßenrand. Wir haben unzählige wunderbare Papierschöpfer und Buchbinder gesehen, kunterbunte Schmuck- und Textilläden, eine unvergesslich lecker duftende Bäckerei, so groß wie ein Konsum, gefüllt mit indischem Gebäck, sowie sogar einen Müller, der das Getreide seiner Kunden vor unseren Augen mahlte. Es war wieder so eines dieser herrlichen Markt-Mosaike, an dem ich mich kaum satt sehen kann.

Zum Abschluss des Tages sind wir zu den Pataleshwar Höhlen gefahren. Ein Ort der Ruhe mitten im Großstadtgetummel von Pune - die Atmosphäre hier war fast noch schöner als in den Karla Caves. Überall saßen Studenten und lasen, diskutierten leise oder vertrieben sich die Zeit einfach nur mit Vor-Sich-Her-Sinnen. Der Boden war übersät mit weißen Blüten, die von umstehenden Bäumen gerieselt waren. Wenn der Wind günstig stand, roch es sogar nach Sandelholz-Räucherstäbchen. Und am Eingang zu den Höhlen stand ein wunderschöner alter Baum, dessen Äste, Ableger oder Teilstämme sich wie ein Wasserfall auf die Erde ergossen. Ein Baum wie aus dem Märchenbuch! Es fühlte sich richtig gut an, barfuss durch die Säulengänge zu wandeln und um den Tempel herum zu laufen. Wenn es mir mal nicht so toll geht, könnte ich mir vorstellen, mich hierhin zurückzuziehen.

Und bevor ich mir mein Abendbrot brutzele, muss ich Euch noch ein wenig neidisch machen! Ich habe gestern meine erste Wassermelone in diesem Jahr gegessen – und die war sooooooooooooo süß und saftig. Ein Traum von einer Wassermelone! Sie hat keinen Tag überlebt. Gleich noch gehe ich mir eine neue kaufen. Und eine leckere Papaya dazu! 

2.3.08 14:25


Laxmi-Road kreuz und quer

Endlich habe ich ihn gefunden: den orientalischen Markt, auf dem sich die Protagonisten eines Bollywood-Films immer das erste Mal tief in die Augen schauen dürfen. Es gibt ihn also auch im richtigen Leben. Von weitem sah der Markt aus wie ein riesiger Tempel – doch unter seinem Dach hatten Hunderte kleiner und großer Gemüse- und Obsthändler ihre Stände aufgebaut. Die Bananen wurden gerade frisch von einem brüchigen LKW geladen und entblättert. Kartoffeln wurden nach Größen sortiert, Gewürze nach Farben, Kokosnüsse nach ihrem Reifezustand - die Grünen zum Trinken, die Braunen zum Essen …

Ich hatte wieder richtig Spaß, all die unbekannten Früchte in meinen Händen zu drehen, zu beschnuppern und daneben stehende Hausfrauen bezüglich der Zubereitung auszufragen. Auch stecke ich irgendwie alles in den Mund, was mir von den Händlern entgegengestreckt wird. Manchmal stehe ich dann Sekunden später in einer Ecke und spucke alles wieder diskret aus. Manchmal aber kaufe ich auch eine Handvoll von den Kostproben und bin total froh, noch mehr Abwechslung in meinen Ernährungs- und Naschplan bringen zu können. Irene steht oft genug kopfschüttelnd neben mir. Aber ich kann’s nicht lassen. Sara oft auch nicht. Sie und ich haben auf dem Markt unsere Einkäufe für die gesamte nächste Woche erledigt und hätten uns am Ende zu gerne ein, zwei Packesel gemietet.

Da fällt mir ein, dass einige Händler auch einen (kostenfreien) Nach-Hause-Trag-Service anbieten. Vielleicht sollte ich den wirklich mal nutzen: einfach auf einen netten Verkäufer tippen und mit ihm nach Hause schlendern, ich mit beschwingt-leichtem Schritt, er sicherlich etwas schwerfälliger unter der Last meiner Einkaufstüten, aber immerhin hätte ich in den Abendstunden nach der Arbeit Begleitschutz und gleichzeitig die Gelegenheit, mein Überlebens-Marathi zu trainieren. Ja, das klingt gut. Vor allem wegen des Marathi-Trainings. Denn bisher bricht mein Umfeld häufig in lautes Gelächter aus, wenn ich meine auswendig gelernten Marathi-Floskeln zum Besten gebe. Selbst bei so einfachen Wörtern wie „Dhanyawad“ [„Dankeschön"] oder „Udya Bethu“ [„Bis morgen"] spüre ich immer wieder so etwas wie das Vibrieren eines unmittelbar bevorstehenden Losprustens in der Luft. Ich möchte nicht wissen, was dann so alles hinter meinem Rücken passiert. Entweder kommen meine Marathi-Wörter so unerwartet, dass ich meinen Gesprächspartnern immer so viel Freude bereite, oder meine Aussprache ist … ja, fürchterlich. Aber vielleicht sollte ich dem Ganzen gar nicht so genau auf den Grund gehen und einfach weiter für gute Stimmung sorgen.

Laxmi Road - religious accessoires

Den Samstag habe ich zum ersten Mal mit und bei einer Kollegin verbracht. Danashree und ich sind noch mal zu den Pataleshwar Caves von voriger Woche gegangen und haben uns im Schatten des großen Schlingel-Schlängel-Baumes bei kleinen indischen Snacks die Zeit vertrieben. Auch habe ich aus erster Hand den Tempel und die Riten erklärt bekommen. Der Tempelbesuch war dadurch noch mal ein ganz anderer als beim ersten Mal – viel intensiver. Ich habe mit Danashree mal alle Bräuche live mitgemacht: Glocke läuten, Verbeugung, Hand an die Tor hütende Kuh sowie auf die erste Treppenstufe zum Altar tippen, eine dreiviertel Runde links um den Altar und dann eine viertel Runde rechts herum drehen und schließlich einfach nur stilles Dastehen und Lauschen der Wassertropfen in der Traufe. Irgendwie war die Stille in der Altarhöhle sehr Frieden stiftend – ich bin tatsächlich glücklicher und ausgeglichener ins Tageslicht zurückgetreten.

Danashree hat mich dann auch in eine Riksha verfrachtet und ist mit mir zu sich nach Hause gefahren, wo ihre Mutter schon ein kleines Festmahl für den Gast hergerichtet hatte. Ich war das erste Mal in einer indischen Familie und etwas aufgeregt, weil ich in meinem Kulturschock-Buch so vieles gelesen hatte, was man nicht falsch machen sollte. Mein Kopf schwirrte vor all den Höflichkeitsregeln und Vorsichtsmaßnahmen gegen Fettnäpfchen. Doch letztendlich ist das alles unnötig gewesen. Ich habe schnell begriffen, dass man von mir nicht mehr erwartete, als ich selbst zu sein und die Einladung in vollem Umfang zu genießen. Und das tat ich denn auch. Ich bekam ein Achtgänge-Menü serviert, bei dem eine Mahlzeit oft leckerer war als die nächste. Danashrees Mutter hatte zudem eine wahre Freude daran, meinen Teller immer wieder voll zu füllen, um erst gar keine Lücke in meinem Delikatessenberg entstehen zu lassen. Die ganze Familie war zusammengetrommelt worden, um mich beim Ausprobieren der „echten indischen, hausgemachten Küche“ anzufeuern. Ich fühlte mich wie im Schlaraffenland.

Danach wurden mir die Hochzeitsfotos der großen Schwester von Danashree gezeigt. Die Mutter spielte etwas für mich auf ihrem kleinen Schifferklavier. Der Nachbar wollte mich zu seiner Antiquitäten-Sammlung entführen, konnte mich aber nicht freikaufen. Denn ich sollte die ganze Wohnung sehen und die indischen Accessoires samt Heimaltar erklärt bekommen. Auf dem Balkon wuchs eine Pflanze, die für besondere Anlässe ihre Blätter lassen muss, um sie mit einer Gewürzpaste zu füllen. Und so kam ich auch in den Genuss dieser Köstlichkeit. Die Familie tat wirklich alles für mich. Ich war am Ende einfach nur noch sprachlos ob dieser Selbstlosigkeit. Es war ein wunder-wunder-schöner Tag und sicherlich eine der bleibendsten Erinnerungen an Pune!


7.3.08 18:07


Ram Ram Sa, Chokhi Dhani!

Wir nähern uns einem großen, schweren, dunklen Holztor, mit Stahlknöpfen versehen, und während wir es durchschreiten, setzt dahinter ein kräftiges Trommelspiel ein. Gleich kommt ein bunt gekleideter Mann mit Turban auf uns zugelaufen, legt die Hände vor der Brust zusammen und grüßt jeden von uns mit einem freudigen „Ram Ram Sa“, begleitet mit einem leichten Kopfnicken. Ein zweiter Mann kommt herbeigeeilt, mit einem Tablett voller Blumen und einem Schälchen mit roter Farbtunke. Ich bekomme meinen ersten Willkommens-Punkt zwischen die Augen gesetzt, seit ich in Indien bin. Die Begrüßungszeremonie ist vollbracht – Chokhi Dhani steht uns nun offen.

Chokhi Dhani ist ein nachgebautes rajastanisches Künstler- und Erlebnisdorf, nur 30 Riksha-Minuten von Pune entfernt. Bereits mit dem Anfahrtsweg lässt man die moderne Welt hinter sich. Es geht über einen einsamen Sand- und Kieselsteinweg – er ist so uneben, dass ich mit meinen 1,72 ständig gegen das Dach der Riksha stoße. Dabei können wir nur im Schritttempo fahren, um nicht zu riskieren, dass unser Fahrgestell auf drei Rädern einfach umkippt.

Spätestens mit der Eingangshalle zu Chokhi Dhani betreten wir dann eine andere Welt. Die Wände sind bunt bemalt, immer wieder finden sich wunderschöne Reliefs, die Alltagsszenen in einem Dorf darstellen oder die hohen Herrschaften auf ihren Kontroll- oder Reisewegen. Rechts im Raum bindet sich gerade ein Mann einen Turban aus einem gut zehn Meter langen Baumwollstoff – zwei Freunde müssen ihm helfen, um die lange Stoffschlange zu bändigen und in eine zahme, wohlgeordnete Kopfbedeckung zu verwandeln. Auf der linken Seite der Empfangshalle erstrecken sich kniehohe Lümmelcouches, in denen sich die Gäste von Chokhi Dhani erst einmal „von der langen Anreise erholen“ können – die Sitzflächen sind fast einen Meter breit, so dass ich bequem meine Beine hochnehmen, mich in die Kissen versenken und der traditionellen rajastanischen Musik lauschen kann.

Aber dann müssen wir doch weiter – die Neugierde treibt uns. Erneutes Trommeln setzt ein und ein Mann, als rotes Pferd verkleidet, tanzt um uns herum und begleitet uns auf dem Weg von der Eingangshalle zum zentralen Marktplatz. Dann sind wir uns selbst überlassen und wissen erst mal gar nicht, wohin wir als erstes gehen sollen. Wir entscheiden uns, vorerst alles abzuspazieren, um einen Überblick über die Größe und Vielfalt des Dorfes zu erhalten und dann die einzelnen, für uns interessanten Stationen näher zu erkunden. Vieles in der Dekoration des Dorfes ist sehr künstlich, das muss ich zugeben – aber irgendwann können Dinge auch so kitschig sein, dass sie wieder schön anzusehen sind. Und so geht es mir. Ich mag das Bunte überall, die allseits bemalten Mauern und Stände, die pompösen Kleider der Angestellten und Künstler. Manchmal fühle ich mich, als hätte mich die Illustration eines Kinderbuches aufgesogen – wie in der Unendlichen Geschichte oder im Tintenherz…

Erste Station unserer „märchenhaften“ Wanderung ist ein Puppenspieler mit seinem Musiker. Er führt kein einheitliches Stück auf, sondern „erzählt“ kleinere, voneinander unabhängige Episoden, … von einer unglücklich verliebten Bauchtänzerin, einem tapferen Krieger, einem streitenden Ehepaar etc. … alles Szenen, die sich zu unserem Glück auch ohne Worte gut darstellen lassen, solange sie von entsprechender Musik begleitet werden. Dann geht es weiter zu einer rajastanischen Tanzvorstellung – diese könnte wesentlich netter sein, wenn die Tänzerinnen ihre Choreographie nicht schon tausendmal aufgeführt hätten und sie nicht so sichtlich gelangweilt abspulen würden – als hätte jemand den Start-Knopf eines Videorecorders gedrückt. Aber was soll’s. Wir gucken uns alles bis zum Schluss an und ziehen dann weiter zu einem Magier. Der sitzt auf vier zusammengeschobenen Holztruhen, umgeben von seinen vielen kleinen Utensilien … und seine Zuschauer scharen sich in Händeschüttel-Reichweite auf Bastliegen um ihn. Es wurmt mich immer wieder, dass ich selbst bei so großer Nähe keinen der Tricks durchschauen kann. Auch wenn ich weiß, dass der Reiz einer Zaubershow ja darin besteht, überrascht, verblüfft oder gar fassungslos zu sein. Es folgen eine Artistik-Darbietung, Bogenschießen und, mein Höhepunkt des Tages, ein KAMELRITT!

Ich bin noch nie auf einem Kamel geritten und freue mich dementsprechend wie ein kleines Kind, als sich die Möglichkeit dazu in Aussicht stellt. Ohne langes Zögern schwinge ich mich auf den ersten Höcker und die Sara folgt mir, nicht weniger enthusiastisch, auf den zweiten. Und schon wellenreiten wir in 2 Meter Höhe stolz durch’s Gelände, mit einem breiten Honigkuchen-Gesicht. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie eifersüchtig ich nun auf Dich bin, lieber Weltenbummler-Heiko, dass Du in Australien sogar eine mehrstündige Tour auf diesen graziösen Tieren gemacht hast! Ich will das auch! Wenn ich schon eine Pferdehaar-Allergie habe, will ich wenigstens mal auf einem Kamel einen langen Ausritt machen. Das dürfte doch hier in Indien nicht schwieriger als in Australien sein, oder? Ich muss in Zukunft unbedingt die Augen offen halten.

Wer große Abenteuer erlebt, hat irgendwann auch großen Hunger. Deshalb bestellen wir zum Abschluss des Tages noch ein richtig traditionelles Menü aus Rajastan in einem richtig (nachgebauten) traditionellen Gasthaus aus Rajastan. Die Schuhe müssen draußen bleiben, denn die Gäste sitzen alle auf dem mit Teppichen ausgelegten Boden. Jeder hat sein eigenes, knöchelhohes Holztischchen vor sich zu stehen. Bevor wir aber an unseren Plätzen anlangen, müssen wir eine lange Reihe von Kellnern passieren, die sich uns nacheinander in den Weg stellen, uns mit „Ram Ram Sa“ begrüßen und erst zur Seite weichen, wenn wir sie ebenfalls mit Händen in Bet-Stellung und einem immer weniger scheu klingenden „Ram Ram“ zurückgrüßen.

Dann nehmen wir an kleinen rautenförmigen Fenstern Platz. Es wurden in der Zwischenzeit schon für jeden von uns ein Teller, so groß wie eine XXL-Pizza, und fünf kleine Schüsseln bereitgestellt – alle aus getrockneten Blättern, also biologisch abbaubar, damit der Abwasch nicht so aufwendig und der Müllberg hinterm Haus nicht zu hoch wird. Innerhalb weniger Sekunden sind wir wieder von einem halben Dutzend Bediensteten umgeben: einer schiebt uns kleine runde Hölzer unter die Knie, damit der Schneidersitz auf Dauer bequemer wird; der nächste stülpt uns Turbane über und versteckt darunter alle vorne heraushängenden Haare; zwei weitere Männer füllen unsere Gläser mit kühlem Wasser einerseits und mit Lassi andererseits; die restlichen Kellner sind damit beschäftigt, die fünf Schalen mit verschiedensten Gerichten zu füllen. Schließlich ist der XXL-Teller dran: Und ich erlebe das Entstehen meines bisher schönsten Thalis. Ein Thali ist so was ähnliches wie ein „Hier kriegst Du alles, was unsere Küche zu bieten hat, auf einem einzigen Essplatz serviert, in kleinen Portionen, damit Du von jedem Gericht mal etwas kosten kannst“ … In hausgemachter Form hatte ich ein (etwas kleineres) Thali schon mal letzte Woche in der Familie von Dhanashree, falls Ihr Euch erinnert. … Aber ich denke, ich muss Euch einfach mal ein Foto zeigen, denn keine Worte können so richtig die Ausmaße unseres „Festessens“ beschreiben wie ein Bild.

Während des großen Essens tänzeln die Kellner um uns herum und füllen die Schüsseln nach, als wären unsere Mägen Löcher, wo alles nur so durchrutscht. Wer protestiert und sich herauszureden versucht, dass er satt sei und einfach nicht mehr essen KÖNNE, ist schnurrstracks in eine laute Diskussion verwickelt: „Wie? Jetzt schon satt? Du hast doch kaum was gegessen! Komm schon! Hab Dich nicht so! So gutes Essen siehst Du bestimmt für eine ganze Weile nicht mehr! …“ Und so werden wir gemästet, bis wir kaum noch hinter unsere Tischchen passen. Und selbst als wirklicht nichts mehr zu gehen scheint, macht der Oberkellner noch mal eine Runde und füttert jeden Gast per Löffel mit einem „allerletzten“ Happs – dem Brauch zufolge hat der Gast einen Wunsch frei, wenn ihm der Gastgeber einen letzten vollen Löffel in den Mund schiebt … oder zwei … oder drei, wenn man nicht unglücklich genug dreinschaut … Es ist toll! Wir genießen es, hier zu sein!

Wer gerne mal virtuell auf unseren Pfaden wandeln möchte, kann mal reinschauen in: http://www.chokhidhanipune.com. Oder auf meine Fotos warten ;-)

17.3.08 15:18


Gleich zweimal ein Fest der Farben …

Farben standen an diesem Wochenende für uns ganz groß auf der Tagesordnung, denn unser christliches Osterfest, an dem traditionellerweise Eier gefärbt und bunt bemalt werden, überschnitt sich mit dem indischen Frühlingsfest Holi. Holi ist das farbenfreudigste aller indischen Feste und gleichzeitig eines der ältesten überhaupt: schon Krishna soll Holi mit seiner Gefährtin Radha und den anderen Hirtinnen zelebriert haben. Es heißt, dass an diesem Tag alle Schranken durch Kaste, Geschlecht, Alter und gesellschaftlichem Status aufgehoben seien. Dementsprechend ausgelassen wird es gefeiert. Freunde und Bekannte treffen sich zum „Spiel“ auf den Straßen, jagen sich und besprengen bzw. bestreuen sich gegenseitig mit gefärbtem Wasser und gefärbtem Puder, dem Gulal. Wer als ahnungsloser Passant zwischen die Fronten gerät, wird gewöhnlich einfach fröhlich mit eingefärbt. Holi ist genau so ein Ausnahmetag wie Fastnacht. Da ist ja auch kein Schlips sicher. Der Einzelne hat zwangsläufig keine andere Wahl, als allen Unsinn mitzumachen.

 

Wie alle Feste in Indien ist auch Holi in seiner Bedeutung sehr vielschichtig. Im spirituellen Bereich vermittelt es die Botschaft vom Triumph des Guten über das Böse. In der Natur dagegen markiert es den Sieg des Frühlings über den Winter, denn das Fest beginnt mit dem Aufblühen der Natur. Ein wichtiger Punkt ist den Menschen auch der Versöhnungsaspekt, denn es heißt, dass man in diesen Tagen auch alte Streitigkeiten begraben soll. Deshalb werden am Vorabend zum Holi kleine Feuer auf den Straßen entzündet. In diesen verbrennen die Menschen eine Stroh-Figur der Dämonin Holika sowie als Opfergabe ein Stück eines ganz speziell für Holi gebackenen Brotes … und schließlich alte Sachen, alte Gedanken oder schlechte Erinnerungen. Holi hat jedoch auch eine Schattenseite und die liegt im übermäßigen Konsum vom sonst verpönten Alkohol und dem Rauschmittel Bhang. Viele Mädchen und Frauen trauen sich an diesem Tag nicht alleine auf die Straßen oder bleiben gleich ganz zu Hause. Besonders in Städten soll es immer häufiger zu Gewaltproblemen kommen. Daher bin auch ich am Samstag etwas vorsichtiger gewesen. Natürlich hat es mich gereizt, ganz nah alles mitzuerleben. Doch statt mich ins buchstäblich bunte Getümmel zu werfen, habe ich mich mit indischen Kolleginnen nur dezent mit etwas gelber Pulverfarbe bestrichen und bin dann in die ruhigen Berge geflohen.

 

Eine Freundin hatte mich zum Wochenendhaus ihrer Eltern eingeladen, wo wir einen wunderschönen Tag in der Natur verbracht haben. Wie üblich war wieder ein Großteil der Familie anwesend …und eine ganze Horde kleiner Eidechsen. Es wurde zusammen Mittag gegessen, in den Bergen spaziert, auf der Terrasse geschaukelt, gedöst und diskutiert. Und ich habe wie vor hundert Jahren Körner gemahlen – mit Hilfe eines uralten Mahlsteins! Ich wäre damals wohl verhungert, denn den Mahlstein zu drehen, erforderte von mir den Einsatz meines gesamten Körpergewichtes. Als ich anfing, schlapp zu machen, hatte ich gerade mal genug Mehl produziert, um einen Fingerhut zu füllen. Das Grundstück hatte auch einen alten Steinofen, der jedoch nur bei längeren Aufenthalten in der Berghütte zum Einsatz kommt. Vielleicht darf ich ihn auch mal aktiv erleben, wenn dann der Monsun kommt und alles noch viel grüner ist. Und die Mangos an den Bäumen schön gelb und süß sind.

 

Am Sonntag habe ich die Einladung dann umgedreht und Freunde zu uns bestellt, um deutsche Osterkultur zu vermitteln. Etwas suchen zu müssen, bevor man es behalten darf, oder Osterschmuck herzustellen, dachten wir, wäre ja mal ganz aufregend für unsere indischen Kollegen. Und so haben wir einen großen Brunch vorbereitet mit selbst gebackenen Keksen und Kuchen, belegte „Schwarzbrot“-Happen, Joghurt und verschiedenen Salaten. Natürlich haben wir auch Eier-Catchen gespielt, nur dass es diesmal nicht um den Abwasch „danach“ ging, sondern einfach nur um den Spaß. Ausnahmsweise ;-)

 

Schließlich kam der Höhepunkt des Tages: das Eierfärben und -bemalen. Da eine Großzahl der Inder keine Eier isst und wir zudem wollten, dass jeder eine kleine Erinnerung mit nach Hause nehmen kann, haben wir uns für ausgeblasene Eier entschieden. Allein das war schon ein Riesen-Spaß. Während des Malens herrschte dann konzentrierte Stille. Alle haben wir mit solchem Ehrgeiz gepinselt, aus Ermangelung eines wirklichen Pinsels sogar nur mit Ohrstäbchen, so dass man hätte annehmen können, niemand sei zu Hause. Das Ergebnis waren fünf individuelle, teils sehr ästhetische, teils sehr lustige Ostereier. Und am Abend ein großer Berg Rührei … 

23.3.08 16:11





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