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Indian oder Indian?

Ob mit dem englischen Wort "Indian" ein Indianer oder ein Inder gemeint ist, erschließt sich oft erst aus der Situation, in der das Wort fällt. Der "Indian Way of Life" kann daher auch ganz unterschiedlich interpretiert werden, so er doch auf zwei verschiedenen Kontinenten stattfindet. Als wir Praktikanten an diesem Wochenende mal so richtig "Indian" sein wollten, sind wir deshalb Nummer Sicher gegangen und haben BEIDES nachempfunden, d.h. wir waren am Sonnabend indianisch und dann am Sonntag noch einmal indisch. 

Am Samstag hatten befreundete Franzosen zu einer originellen Cowboy- und Indianer-Party eingeladen. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wann und als was ich mich das letzte Mal verkleidet hatte. Umso größer war die Freude, dies endlich mal wieder tun zu dürfen, bevor ich verlerne, wie so etwas geht. Und so entstanden vier edelmütige Rothäute und zwei abenteuerlustige Cowboys in unserem Appartment, die den Ausflug in die Prärie mit einem (Anti-)Regen-Tanz begannen und dann auf klapprigen Riksha-Rössern in einer großen Staubwolke entschwanden. Im Saloon wurden wir schon von anderen Wild-West-Bewohnern unterschiedlichster Nationalität erwartet, mit denen wir die Friedenspfeife zur Knüpfung von Freundschaften rauchen konnten. Es war ein sehr unterhaltsamer Abend, an dem viel und ausgelassen getanzt wurde ... darunter auch à la Bollywood, denn wir hatten auch ein paar indische Indianer in unserer Gesellschaft, die auf IHRE Diskohits bestanden und uns entsprechend animierten: spring rechts, spring links, Arme hoch, Arme runter ... Ich habe Tränen gelacht!

 

Am Tag darauf folgte dann die Metamorphose zum Inder. Wir waren zur Hochzeit von einer Kollegin eingeladen worden - die Besorgung der hierzu passenden, indischen Festtagsgewänder hatte uns bereits die letzten zehn Tage in Schach gehalten. Fündig geworden sind wir letztendlich alle in ein und demselben Geschäft, im Varma, einem der teuersten Kleidershops in Pune überhaupt, aber für Europäer gerade noch bezahlbar. Die dort ersteigerten Schmuckstücke konnten nun auch ausgeführt werden: Irene, Sara und Renée trugen auf der Hochzeit farbenfrohe, bestickte Saris, während Vidya und ich uns für reicher verzierte Salwar Kameez' entschieden hatten. So festlich angezogen kamen wir uns alle wie Akteure in einem Bollywood-Film vor - auf dem Weg zum Fest waren wir dementsprechend DIE Sensation auf den Straßen.

 

Allerdings haben wir nicht die gesamte Hochzeitsprozedur miterlebt, sondern nur die so genannte "Reception Ceremony". Das ist der letzte Abend der Feierlichkeiten. An diesem sind alle Freunde, Kollegen, Nachbarn und sonstigen Bekannten eingeladen, um ihnen die Gelegenheit zu bieten, dem frisch gebackenen Brautpaar zu gratulieren. Für Reshmas Reception wurde eine große Bühne aufgebaut, reichlich dekoriert mit bunten Blumen, und Reshma selbst dann mit ihrem Mann in die Mitte gestellt. Vor der Bühne standen wie in einem Theater die Stühle der Gäste, die gruppenweise auf die Bühne kamen, Glüchwünsche aussprachen und ggf. Geschenke überreichten. Jeder Gast bzw. jede Gastgruppe wurde dabei gefilmt. Zum Abschluss wurde jeweils ein Halbkreis um das Paar gebildet und ein Foto geschossen. Allein auf diese Weise müssen an die 200 Fotos entstanden sein.

 

Nachdem auch wir Praktikanten an der Reihe gewesen waren, um zusammen mit Reshma im Rampenlicht zu stehen und ihr zu gratulieren, konnten wir entscheiden, ob wir zurück auf unsere Plätze gehen oder das Buffet stürmen wollten. Dieses war bestimmt an die 15 Meter lang und bot verschiedenste Spezialtäten aus Maharashtra. Natürlich habe ich wieder viel zu viel gegessen, was insofern verhängnisvoll war, weil bei einer Reception kein Tanz vorgesehen ist, bei dem man die überflüssigen Pfunde wieder abtrainieren könnte. Glücklicherweise mussten wir uns mit unseren dicken Bäuchen nicht in einer engen Riksha stapeln, sondern wurden von befreundeten Kollegen ganz komfortabel mit dem Auto nach Hause gefahren – mit Rahul Shwarmas beruhigender Verdauungsmusik im CD-Player.

1.6.08 17:37


Mein Indisches Come Back

Seit langer Zeit hatte ich heute mal wieder einen richtigen indischen Sonntag verbracht. Den Morgen habe ich mit einer ausführlichen Interpretation der fünf Tibeter begonnen, umsprenkelt mit ein paar anderen Yoga-Übungen. Dann gab es einen frisch aufgebrühten Taj Mahal Schwarztee mit einer kleinen Packung Tiger-Kekse. Und gegen zehn Uhr habe ich mich schließlich in die Riksha gesetzt in Richtung Shanivarvada. Dort konnte ich mich noch ein wenig in der Sonne wärmen, bevor mich die Jyotsna mit dem Moped abgeholt hat. Kreuz und quer durch's Gassengewimmel ging es dann zu ihr nach Hause, denn ihre Eltern hatten mich zum Mittagbrot eingeladen, um endlich mal die verrückte deutsche Kollegin ihrer Tochter kennenzulernen. Und es war toll!

Als ich im Januar nach Indien kam, hatte ich insgeheim gehofft, genau so zu wohnen wie Jyotsnas Familie. Das Mehrfamilienhaus ist nur über einen vier Meter breiten Sandweg erreichbar, weit entfernt von der Hauptverkehrsstraße. Vor dem Grundstück ist ein kleiner Basketballplatz, auf dem Kinder herumtoben können. Die anderen drei Seiten des Hauses sind von anderen zwei- bis dreistöckigen Wohnhäusern umgeben. Wenn man will, kann man sich aus dem Fenster lehnen und seinen Nachbarn zuwinken. Wenn man nicht will, kann man im Sichtschutz der Bäume und Sträucher vor sich her trudeln. Einige Gewächse, die überall zwischendrin wachsen und ein zwitscherndes Zuhause für Vögel bieten, hatte ich noch nie zuvor gesehen, so z.B. den Baum der Jackfruit, eine lustige Gurken-Stachel-Frucht. Bei Jyotsna ist alles so schön grün und die Luft ist so viel klarer als in der versmogten Innenstadt ... oder auch bei uns im modernen Viman Nagar. Und man fühlt sich wahrscheinlich nie allein, weil die Wohnungstüren zum Treppenhaus hin häufig offen stehen ... wie in einer großen WG - als Einladung zum Plausch unter Nachbarn.

Wie gewohnt durfte ich erst einmal im Eingangszimmer Platz nehmen. Das ist der erste Raum, den ein Gast in einer indischen Wohnung sieht, und meist auch der einzige für die nächsten ein, zwei Stunden. Wie auch schon bei anderen Kollegen, die mich eingeladen hatten, stand hier eine reich mit Kissen bedeckte Lümmelcouch. Als Gast durfte ich es mir darauf schön bequem machen, umrahmt von meinen Gastgebern. Ständig wurde mir Wasser nachgeschenkt und ein kleiner süßer oder herzhafter Snack als Überbrückung bis zum Mittagessen gereicht. Von draußen konnten wir die spielenden Kinder, bellende Hunde und klapperndes Kochgeschirr hören. Ein bißchen wie zu Hause.
 
Nach den üblichen Small Talks über "My first time in India", "Where does your father work" etc. wurden dann die Fotoalben herausgekramt, darunter auch welche vom letzten Urlaub in Kerala. Sollte ich noch einmal nach Indien kommen, was ich doch sehr starkt hoffe, dann werde ich hoffentlich auch ein paar Tage in Kerala verbringen können. Schon Arundhati Roy hat mich mit ihrem "Gott der kleinen Dinge" auf diesen indischen Bundesstaat neugierig gemacht. Nachdem ich nun auch noch all die wundervollen Landschaftsbilder gesehen habe, wird ein persönlicher Besuch immer mehr zur Herzensangelegenheit ... 

Den Fotos folgten Videoaufnahmen, für die extra der Laptop des Onkels herbeigeschafft worden war. Und ich lernte meine kleine, unscheinbare Jyotsna von einer ganz neuen Seite kennen: in den Filmaufnahmen entpuppte sie sich als hervorragende, liebreizende Tänzerin. Sie hat mir zwei ihrer Aufführungen gezeigt, in denen sie selbst nordindischen Kathak tanzte, während ihre Cousine parallel dazu den südindischen Tanz Bharatnatyam aufführte. Und so wurden zwei ganz verschiedene Tanzstile in einem Musikstück vereint. Der eine, Kathak, ist weich und verführerisch. Der andere, Bharatnatyam, in dem ich selbst auch mal zwei Wochen Unterricht genommen hatte, ist kraftvoll und akurat. Ich war echt beeindruckt ob der Perfektion, die man nach frühestens acht langen Lehrjahren erreichen kann, wie mir Jyotsna schnaufend anvertraute. 

Und dann war das Essen fertig, von einer Heinzel-Mutti in der Küche zubereitet. Auf dem Boden wurden Sitztücher ausgebreitet und Metallteller in unterschiedlichsten Größen gedeckt. Jyotsna verschwand immer wieder in der Küche, um mit einem Topf oder einem Becherchen wieder aufzutauchen und die Spezialitäten löffelweise auf die Gedecke zu verteilen, bis ein leckerer Thali entstanden war: mit Turmeric-Reis, Kokos, Koriander, Ghee, verschiedenen Chutnis und Gemüsezubereitungen und natürlich auch Chapatis. Als letzte "Tischdekoration" malte Jyotsna noch an jeden Sitzplatz mit Sand eine kleine bunte Blume auf die Bodenfliesen - eine Kunst, die als Rangoli bezeichnet wird und die man in Indien sehr häufig an den Eingängen von Häusern und Tempeln findet.

 

Es war köstlich! Natürlich. Das wird keinen von Euch überraschen. Ich bin wirklich etwas traurig, dass ich es in sechs Monaten nicht geschafft habe, indische Gerichte zu lernen. Wie gerne würde ich all die leckeren Sachen nachkochen können, um mir in nostalgischen Momenten in Leipzig ein Stück Indien reproduzieren zu können. Zumindest bin ich im Besitz eines dicken, schweren Kochbuches ... Mal sehen, was ich davon alles umsetzen kann ... und vor allem welche Zutaten in Leipzig für mich erhältlich sind. Schon jetzt bin ich mitten in der Planung meines Gewürzschmuggels nach Deutschland.

Nach dem Mittagessen haben wir uns mit der Amruta zum Kino getroffen. Ich weiß nicht, was mich manchmal reitet, aber ich wollte unbedingt einen richtigen indischen Film sehen, gleichgültig ob er nun in Englisch, Marathi oder Hindi ist. Unsere Wahl fiel auf den in der Presse sehr gut besprochenen Film "Sanai Chaughade", eine sozialkritische Tragikomödie über arrangierte Hochzeiten in Maharashtra. Und nun die Überraschung: ich habe tatsächlich fast alles verstanden. Auf das indische Kino ist Verlass: dank der stark ausgeprägten Mimik und Gestik indischer Schauspieler, dank des äußerst theatralischen Einsatzes von Musik, aber auch dank der Invasion der englischen Sprache in indische Muttersprachen war es für mich leichter als gedacht, der Handlung zu folgen. Lediglich an zwei Stellen brauchte ich die Hilfe meiner beiden hochqualifizierten Übersetzerfreunde.

Wer im Kino war, setzt sich danach meist noch gerne zusammen, um den Film zu besprechen. Das ist in Pune nicht anders als in Leipzig. Und so sind wir mit dem Moped ein paar Straßenzüge weiter zu einer super leckeren Eisdiele zum Cad-M-Essen gefahren. Cad-M ist eine Art Milchshake mit geschmolzenem Speiseeis und in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Ich habe mich natürlich für die Schokoladenvariante mit ganz viel frisch geriebenen Schokoladensplittern entschieden - ein Traum von einer Sünde! Eine echte Konkurrenz für mein Mango-Mastani! 

Ein Verdauungsspaziergang führte uns am Mutha-River vorbei. Auf seinen Brücken sitzen am Abend die Liebespärchen auf den Bordsteinkanten, versteckt hinter ihren Motorrädern, die hervorragenden Sichtschutz gegen die misstrauischen Blicke der "Alten" bieten. Wir haben uns zwischen sie gesetzt und uns die Zeit bis zum nächsten Höhepunkt des Tages vertrieben: eine Tanzaufführung, die traditionellen indischen Tanz mit der Moderne verbindet - in Indien immer noch sehr, sehr selten.

Im ersten Teil wurden hauptsächlich konventionelle Bharatnatyam-Stücke über Rama und Krishna aufgeführt - und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen, was für mich ganz neu war, die ich bisher nur Frauen habe tanzen sehen. Der zweite Teil dann war eher moderner Ausdruckstanz, der sich auch mit modernen Themen beschäftigte ... und das war wiederum für Jyotsna eine ganz neue Erfahrung. Besonders beeindruckt hat mich das letzte Stück, die tänzerische Umsetzung des Schicksals, als siamesischer Zwilling zu leben. Ich habe den Tanz als Kunstform bisher wirklich unterschätzt und verspreche Besserung!
22.6.08 21:06





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