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Vom Yogi-Tee zum Salwar Kameez

Bestimmt kennt Ihr das Gefühl, dass Tage mehr als 24 Stunden zu haben scheinen, je enger sich die Ereignisse aneinanderreihen. Ich bin erst zwei Wochen in Indien, aber sie kommen mir fast vor wie zwei Monate. Ich bin von weit mehr Neuem umgeben, als ich fähig wäre, an einem einzigen Tag zu verarbeiten. Wie ein kleines Kind gucke und staune ich immer noch, was um mich herum passiert. Erst langsam stellt sich so etwas wie Alltag ein.

Die zweite Arbeitswoche habe ich damit begonnen, dass ich mich in die Tee-Zeremonie meiner indischen Kollegen integriert habe. Das heißt, jeden Tag um zehn Uhr beginnt in der Frühstückspause die Völkerwanderung zum 50 m entfernten Tee-Stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo schon ein großer Kessel voller Yogi-Tee wartet und für uns in fingerhutgroße Plastikbecher abgefüllt wird. Keine Ahnung, ob das Wasser darin zuvor auch tatsächlich gut abgekocht wurde oder ob die Milch vom Büffel nicht vielleicht doch direkt vom Euter in den Kessel gespritzt wurde – unerschrocken, wie ich bin, habe ich bisher keine Probleme mit dem Magen.

In den Restaurants esse ich auch hemmungslos alles, was mir vorgesetzt wird – schließlich möchte ich die indische Kultur richtig kennen lernen, hehe ;-) … Mit Vorliebe nehme ich die Gerichte, unter denen ich mir nichts vorstellen kann. Die Speisekarten sind eh alle zumeist in Hindi verfasst. Was mir schmeckt, wird in mein Reisetagebuch unter der Rubrik „zu empfehlen“ abgepinselt. Was fürchterlich aussah oder geschmeckt hat, kommt in die Rubrik „interessante Erfahrung“. Derzeit ist die letzte Rubrik erst rar beschrieben. Die indische Küche ist nämlich echt super lecker. Häufig essen wir weit über den Hunger hinaus und können uns dann kaum noch nach Hause bewegen.

Die letzten Praktikanten sollen deshalb im Durchschnitt fünf Kilogramm zugenommen haben. Drum gehe ich schon jetzt immer jeden Morgen für eine Dreiviertelstunde fleißig ins „Fitness-Studio“, das zu unserer Wohnanlage gehört und aus drei Sportgeräten, einem Billardtisch und sechs Iso-Matten besteht. Meist setze ich mich aufs Fahrrad und stelle mir vor, wie ich durch Leipzig radele, das Elsterflutbecken entlang, in den Wildpark hinein und einmal um den Cospudener See herum. Damit baue ich mich auch mental etwas auf. Denn ein richtiges Fleckchen Natur konnte ich bis jetzt in Pune noch nicht wirklich ausfindig machen. Selbst in den wenigen Parks wird der Abfall einfach auf den Boden geworfen und stapelt sich, vom Wind zusammengefegt, an irgendeiner Ecke oder unter irgendeinem Baum. Die Müllbehälter in ganz Pune lassen sich sicherlich an zwei Händen abzählen. Aber ich lasse mich nicht entmutigen und suche eifrig weiter nach dem „unberührten Grün“ und etwas Vogelgezwitscher. Schließlich sind wir in Indien gerade mitten im Frühling!

Gestern haben die wagemutige Sara und ich allein eine Riksha-Fahrt quer durch die Stadt unternommen, um die zwei einzigen „großen“ Buchhandlungen in Pune zu besuchen. Wegen der Gewichtsbeschränkung für unser Reisegepäck mussten wir noch in Deutschland all unsere Bücher wieder auspacken, um einige Kilogramm gut zu machen. Und nun stehen wir beide ohne Bettlektüre da – schlimm, schlimm. Das wollten wir schnellstmöglich ändern. Aber selbst ein mittelmäßig geordnetes Antiquariat in Deutschland ist noch eine Luxus-Buchhandlung im Vergleich zu den Geschäften, die wir gestern gesehen haben. Zudem sind die meisten Bücher hier Importe aus Großbritannien oder den USA und deshalb mit Preisen in Pfund oder US-Dollar versehen. Die Preisbestimmung war ein einziges Rätselraten und endete meist in horrenden Ergebnissen. Mich erstaunt es kaum, dass die indische Bevölkerung so wenig liest, wenn all die Bücher zehnmal so teuer wie ein Mittagessen und gleichzeitig so angegammelt sind. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist echt miserabel – oder ich muss lernen, besser zu verhandeln. Von allen Seiten wurde mir nämlich berichtet, dass die Buchpreise, entgegen meinen gestrigen Erfahrungen, sehr niedrig sein sollen. Naja, immerhin habe ich eine Sonderausgabe von Montgomery’s „Anne of Green Gables“ aufgespürt – einen großen Dank an Anett und Esther, dass sie mir die Triologie mal ans Herz gelegt haben, sonst wäre ich wohl mit leeren Händen nach Hause zurückgekehrt!

 

Unser Ausflug war auch deshalb lohnenswert, weil wir gleich neben der Buchhandlung eine kleine, unscheinbare Passage entdeckt haben, in der sich ein Schneider neben den anderen reiht, zwischendurch nur durch glitzernde, kitschige Schmuckläden unterbrochen. Auch wenn die Bollywood-Filme sonst total idealisiert sind, so bleiben sie doch in der Kleidung und in den Accessoires der Darsteller recht authentisch: Die meisten Inder auf der Straße tragen tatsächlich sehr fröhliche Farben – mit abwechslungsreichen Mustern, Stickereien und Glitzerpaletten. Dementsprechend farbenprächtig war auch das Stofflager in den Schneidereien. Selbst ich, die ich es sonst eher dezent mag, bin da ins Schwärmen geraten. Fast hätte ich mir einen dreiteiligen Salwar Kameez, auch Panjabi Suit genannt, schneidern lassen. Das ist eine typische Kleidung der Mädchen und jungen, unverheirateten Frauen in Indien, bestehend aus einer Hose, einem knielangen Oberteil und einem Tuch (zum Abdecken der Schultern). Aber da mir nicht mindestens drei Anlässe einfallen, zu denen ich den Salwar Kameez auch in Deutschland tragen könnte, habe ich den Kauf noch einmal aufgeschoben. Wenn am Ende noch Geld übrig bleiben sollte, wäre das mein potentielles Erinnerungsstück. Also nicht traurig sein – vielleicht kommt Ihr am Ende doch noch in den Genuss, mich in traditioneller indischer Kleidung zu sehen!

 

4.2.08 22:44
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Fee Verte (17.2.08 18:16)
Salut Conny!

Ben ca c'est une belle surprise!!! je te souhaite beaucoup de joie et de decouvertes et vais te suivre tout au long de tes nouvelles!

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