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Malavli und Lonavla

Nachdem die dritte Arbeitswoche doch sehr anstrengend war, habe ich mich gestern mit einem „Samstag im Grünen“ belohnt – doch, um Missverständnissen vorzubeugen, sollte ich, die Klimazone berücksichtigend, wohl eher von einem „Samstag im Ockerfarbenen“ sprechen. Trotz Grün-Mangels war der Ausflug aber sehr erholsam. Denn ein bummliger Regionalzug brachte Sara und mich in früher Morgenstunde mal raus aus dem ganzen Lärm, dem Dreck und dem Gedränge der Großstadt Pune. Die Fahrt ging Richtung Westen in den kleinen, von Hügeln umgebenen Eisenbahnort Malavli und von dort mit der Riksha zehn Minuten durch ein breites Tal zu den legendären Karla Caves.

Hinter den Karla Caves verbirgt sich eine in Felsen geschlagene Siedlung buddhistischer Mönche aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, ausgestattet mit einem wunderschönen, 40 m langen und 15 m hohem Höhlentempel. Da wir neben pilgernden Hindis die einzigen (weißen) Besucher waren, scheinen die Karla Caves wirklich noch ein Geheimtipp unter den Touristen zu sein, was sie sehr authentisch macht. Es war für mich wirklich ein erhebender Moment, vor diesem alten Heiligtum zu stehen, mit so ganz anderen Ornamenten und Skulpturen, als ich es aus Europa gewohnt bin. Erst recht, als ich sah, dass dies alles nicht der Vergangenheit angehört, sondern ganz im Gegensatz noch ganz aktiv von den Anwohnern zur Meditation und zum Beten genutzt wird. Überall wurden Blumenkränze, Kokosnüsse und Süßigkeiten geopfert. Vielleicht bin ich sogar Zeuge einer lebenden Hochkultur geworden. Wahnsinn!

 

Ich hätte von diesem Platz wohl auch eine durchweg schöne Erinnerung, wären die Höhlen nicht von unvorstellbar großen Bienenvölkern bewohnt gewesen, die Sara und mich in Angst und Schrecken versetzt haben: Ahnungslos wollten wir, einem schmalen Pfad folgend, den gesamten Felsen umrunden und fanden uns plötzlich in einem riesigen Schwarm von Bienen wieder, der wie in einem Heuschrecken-Szenario als dunkle Wolke am Himmel  immer näher kam, uns bestimmt zwei Minuten umschloss und dann genauso schnell wieder verschwunden war. Hitchcock live, das sage ich Euch. Die ganze Zeit habe ich an „My Girl“ gedacht und chique Schweißperlen auf der Stirn wachsen lassen. Aber wir haben keinen einzigen Stich bekommen und konnten unsere Gemüter eine viertel Stunde später mit einer extra großen Packung Chikki wieder beruhigen. Chikki ist ein für die Region typisches Süßgebäck in Tafel-Schokolade-Format, zubereitet mit Nüssen, Sesam oder Kokos. Sehr zu empfehlen! Einige indische Großstädter sollen nur wegen eines „süßen Picknicks“ hierher kommen und nicht mal wegen des Tempels …

 

Bevor es gegen Mittag dann von Malavli eine Zugstation weiter nach Lonavla ging, sind wir auch noch in einem ganz klassischen indischen Straßenrestaurant in Bahnhofsnähe eingekehrt, um dem Süßen noch etwas Herzhaftes folgen zu lassen. Da uns die vielen Fliegen auf dem Essen nachdenklich stimmten, wurden uns ganz frisch Wada-Pavs zubereitet – und die sind ja echt noch leckerer als Chikki. Wada-Pav ist DER Indian Burger schlechthin und wird fast an jeder Ecke als kleiner Snack für Zwischendurch angeboten. Er besteht aus einem kleinen Brot mit einem frittierten Kartoffel-Gemüse-Ball drin und irgendetwas anderem, was dem Ganzen eine grüne Farbe verleiht. Auf dem Foto seht Ihr sie links ganz unten – und gleich dahinter unsere fleißigen Köche. Sie waren ganz stolz, dass wir bei Ihnen einkehrten und fragten uns neugierig über alle Details unserer Reise aus. Im Gegenzug wurden wir verwöhnt wie Rajs, Könige. Ich habe selten so viel gelacht und ein weiteres Mal die große Gastfreundschaft der Inder genießen können.

Viel zu früh nach meiner Meinung mussten wir uns schon wieder verabschieden, um mit unseren dicken Bäuchen zum Bahnhof zu eilen und dort den Zug ins ungefähr 20 Minuten entfernte Lonavla zu kriegen. Die Fahrt war ebenfalls sehr unterhaltsam, denn in unserem Abteil waren wir von einer Schar Grundschüler umgeben. In Indien gehen die Schüler nämlich nicht nur werktags, sondern auch jeden zweiten oder gar jeden Samstag zur Schule. Der Weg dorthin ist für so kleine Zwerge im deutsch-indischen Vergleich oft genug unverhältnismäßig lang und wird daher mit dem Zug oder dem Bus zurückgelegt. Die Fahrtzeit verkürzen sich die Kinder dadurch, dass sie entweder kleine, originelle Handspiele erfinden oder, etwas strebsamer, ihre Hausaufgaben erledigen. Ich war hierbei ganz fasziniert vom Sanskrit, das ihnen so leicht von den Fingern ging und so wunderbar verschnörkelt ein Blatt nach dem anderen füllte. Und ich fand die großen braunen Kinderaugen so schön, die neugierig die Bilder von den Karla Caves auf unseren Webcams bestaunten und dabei strahlten, als würden wir dort einen kleinen Trickfilm abspielen. Einen wahren Freudenausbruch aber löste ich wohl aus, als ich ein Foto von ihnen machen wollte.
 
Indische Kinder lieben es, fotografiert zu werden. Mein hierzu einprägsamstes Erlebnis spielte sich in Lonavla selbst ab, in einem Park, wo eine Schulklasse Picknick machte: Als wir den Park betraten, winkten sie uns schon von Weitem zu – und als ich dann meinen Fotoapparat herausnahm, kamen sie auf mich wie auf einen Bonbonverkäufer zugestürmt. Um auf dem Bild zu sein, riefen sie bunt durcheinander, sprangen in die Höhe und streckten die Arme gen Himmel. Ich konnte mich in der Kindertraube kaum noch bewegen. Das Bild muss ich Euch unbedingt zeigen. Wenn alle meine Foto-Models so kooperativ wären, könnte ich mich schon morgen bei National Geographic bewerben, hihi.

Und dann habe ich noch etwas sehr Essentielles über die indische Kultur gelernt. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, dass Inder tatsächlich nie den Satz “Das weiß ich nicht” über die Lippen bringen können … und stattdessen lieber das Blaue vom Himmel lügen. Ich hielt das für ein gemeines Klischee. Aber gestern wurde es mir am eigenen Leib bestätigt: In Lonavla angekommen, fragten wir uns nach dieser oder jener Sehenswürdigkeit durch und wurden kontinuierlich im Zick-Zack durch die Stadt geschickt – häufig genug in die entgegengesetzte Richtung, als wir eigentlich hätten gehen müssen. Grrr … Als wir das am Abend erzählten, wurden wir von unseren indienerfahrenden Mitreisenden nur ausgelacht: Sie empfahlen uns für die Zukunft, uns nie in Bewegung zu setzen, bevor uns nicht mindestens drei Inder die gleiche Auskunft erteilt hätten – erst dann könne man von der richtigen Wegbeschreibung ausgehen. Wahnsinn! Gestern haben irgendwann die Füße geschmerzt – aber heute kann ich schon wieder drüber lachen.

Und zum Schluss muss ich noch eine ganz wichtige Korrektur vornehmen: die Bücher in Indien sind tatsächlich sehr viel preiswerter als in Europa. Wir haben den Sonntagnachmittag bei Landmarks Bookshop verbracht, der entgegen Maneers, der Buchhandlung, von der ich letzte Woche geschrieben habe, wirklich super sortiert war und viele Sonderangebote bereithielt. Während Ihr den „Drachenläufer“ von Hosseini vielleicht gerade in Deutschland in den Kinos guckt, werde ich ihn also abends endlich in englischer Buchausgabe erleben: für zwei Euro. Juppieh! 

  
18.2.08 18:06
 


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