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Murud Janjira

Bevor ich weiterschreibe, muss ich an dieser Stelle noch mal die liebe Eilika hervorheben, ohne die mein Weblog nicht wäre, was es ist. Ohne sie könnte ich Euch all die schönen Fotos nicht zeigen, die ich so unterwegs schieße. Wenn Ihr also mal in Leipzig in der Bornaischen Straße seid, müsst Ihr ihr unbedingt ein kleines Eis vorbeibringen als Dankeschön! Macht Ihr das für mich? Der Heiko hat schon mal den Anfang gemacht ...

Die Tage vergehen jetzt, wo sich der Alltag allmählich einschleicht, immer schneller. Erneut ist eine Staffel von fünf Arbeitstagen vorbei. Und unser „Overnight Trip on the Beach“,  der uns bei unserer Ankunft im Januar angekündigt wurde und „damals“ noch so fern klang, liegt mit diesem Wochenende auch schon wieder hinter uns. Unsere Firma hatte den Wochenendausflug als eine Art Willkommensgeschenk für seine Praktikanten geplant und dafür ein kleines Fischerdorf an der Küste der Arabian Sea auserwählt: Murud, 170km südlich von Mumbai und fünfeinhalb Autostunden von Pune entfernt. Um den Samstag in voller Länge genießen zu können, wurden wir deshalb bereits am Freitagabend nach der Arbeit samt Gepäck in zwei Kleinbusse verladen und an unseren Bestimmungsort chauffiert.

Der erste Reiseabschnitt verlief gen Mumbai, auf einer freitags total überfüllten Strecke, weil viele Arbeitnehmer aus der Region übers Wochenende daheimgebliebene Verwandte besuchen. So habe ich zum ersten Mal einen indischen Stau auf der Autobahn miterlebt und bin nun endgültig von der Idee geheilt, mir vielleicht doch mal irgendwann einen Mietwagen zu holen, um immer der Nase nach durch die Landschaft zu streunen. Denn einen indischen Stau würde ich wahrscheinlich keine zehn Minuten überleben: nur wer Beulen und Unfälle riskiert, kommt nämlich vorwärts. Nichts für mich.

Der zweite Teil unserer Reise ging dann auf sandigen Straßen durch die Pampa. Irgendwie muss am letzen Freitag ein astrologisch Glück verheißender Tag gewesen sein, denn in jedem noch so kleinen Ort wurde eine Hochzeit gefeiert. Die Musik konnten wir selbst im Auto schon eine ganze Weile hören, bevor wir überhaupt die festlich geschmückte und tanzende Hochzeitsgesellschaft sahen, oft in einem der vielen Lokale direkt an der Straße. Das Gemeine ist, dass Braut und Bräutigam nicht etwa wie in Deutschland durch Charakteristika wie ein weißes Kleid und eine Blume im Knopfloch identifiziert werden können, sondern in Indien meist genauso bunt und glitzernd sind wie ihre Gäste. Dadurch konnte ich die Heiratenden kaum ausfindig machen. Einziges Erkennungsmerkmal: sie stehen in der Mitte des sie umtanzenden Gäste-Kreises. Wenn aber so eng getanzt wird, dass keine Mitte erkennbar ist … Hmm, vielleicht muss ich diesbezüglich meine Augen doch noch etwas schulen.

Nach den Dörfern kamen die Berge. Schrecklich! Serpentinen-Fahrt für eineinhalb Stunden – das ganze mit bis zu 80km/h. Denn wer in Indien ein schnelles Auto hat, muss dies auch allen anderen zeigen! Klar! … Unsere Chauffeure sind gefahren wie die Henker. JEDES Vehikel musste überholt werden – in Kurven, bergauf, bergab, auf nur drei Meter breiten Straßen und natürlich auch auf Straßen mit fußballgroßen Schlaglöchern. Mir ist der Magen in den Hals gerutscht. Auf meine Bemerkung hin, dass uns allen super-übel sei, bekam ich zur Antwort: „Ja, die Straßen sind sehr schlecht!“ Auf die Idee, vielleicht einfach mal langsamer zu fahren, kamen unsere Fahrer selbstverständlich nicht. Als wir spät nach Mitternacht endlich ankamen, konnten wir uns nur noch mit Mühe auf den Beinen halten. Ich denke, ich bin jetzt achterbahnfest.

Doch der Stress der Anreise wurde am nächsten Morgen durch den Blick vom Balkon wieder aufgewogen: Palmen-Haine, Strand, Meer und das verschlafene Örtchen Murud. Im Dorf leben sicherlich nicht mehr als 600 Menschen, also ungefähr so viele wie in meinem kleinen Heimatdorf. Und genau das machte den Ort so attraktiv: keine touristischen Blendungen, sondern das stinknormale Fischerleben, alles ganz ursprünglich und unverfälscht. Und mittendrin durften wir zwei wunderschöne Tage verbringen. Und wurden sogar von Vogelgezwitscher geweckt! Nach meinem Verständnis müssen es Amseln gewesen sein, denn die Uhrzeit hat gestimmt und auch die Anfangsstrophen des Sing-Sangs waren mir sehr vertraut. Aber was danach kam, hörte sich sehr nach dem gurgelnden Verschwinden des letzten Badewannenwassers im Abfluss an – nur viel heller und plätschernder. Ich nehme mal an, dass da das Rauschen des Meeres imitiert wurde, so wie auch deutsche Amseln bekanntlich die Klingeltöne von Handys nachahmen. Für mich war es ein richtiger Kurzurlaub!

Am Vormittag sind wir zum Hafen Rajpuri Port gefahren und haben unterwegs vielen Fischern und Händlern bei der Arbeit zusehen können. Ochsenkarren schleppten allerlei landwirtschaftliche Erzeugnisse durch die Straßen und Frauen trugen auf ihren Köpfen 2 m langes Brennholz. Viele Häuser waren zur Straße hin offen, so dass wir ein wenig in die Fischerbehausungen linsen konnten. Und natürlich gab es auch hier überall Kinder, die uns hinterher rannten und immerzu „Hello! Namasté!“ riefen. Von Rajpuri Port setzen wir auf einem Segelschiff zum Fort Janjira über. Die Festung wurde im 12. Jahrhundert mitten im Meer gebaut und konnte wegen ihrer 12 m hohen Wälle nie erobert werden. Dementsprechend abenteuerlich war auch der Ausstieg vom Segelboot. Eine nicht einnehmbare Festung hat natürlich auch einen schwer zugänglichen Eingang: es gibt kein Anlegeplatz, nicht mal eine kleine Landebrücke! Die Treppen zum Fortinneren beginnen mitten im Meer und wer sie besteigen will, muss wagemutig vom Schiff zu ihnen rüber springen. Keine Ahnung, wie die Statistik für die ins Wasser gefallenen Besucher aussieht. Ich zumindest kam mit zwei nassen Füssen und Schienbeinen davon.

 

Das Festungsinnere erinnerte mich ein wenig am Pompej: verfallene Ruinen mit Blumen und kleinen Bäumchen, die sich ihr Terrain zurückerobern. Aber die reiche Ornamentik an den Wänden und die vielen Säulen ließen erahnen, wie prächtig das Fort mal gewesen sein muss. Angeblich lebten hier einmal über 2000 Menschen. Es war beeindruckend!

Am Nachmittag fuhren Sara, Renée und ich dann noch weiter zum Birla Temple und für ein, zwei Stunden an den Kashid Beach. Der Birla Temple war entgegen den Tempelanlagen in Pune und Malavli sehr neumodisch und streng bewacht. Er hatte nicht so bunte Zwiebeltürmchen und Wände, war aber dafür an der Decke mit unzähligen kleinen Windspielen versehen. Da der Tempel genau am Meer lag, könnt Ihr Euch sicherlich vorstellen, wie schön die Geräuschkulisse war: ein ständiges zartes Klingen und Läuten. Wie die Inder auf die Idee kommen konnten, gleich nebenan eine Bohrinsel zu bauen, ist mir ein Rätsel. Da hat wohl einmal mehr der ökonomische Aspekt über den religiös-meditativen gesiegt.

In Kashid dann haben wir den Tag ruhig ausklingen lassen, waren Muscheln und Steine sammeln, was hier ganz unüblich zu sein scheint, denn viele Inder haben uns dafür ausgelacht. Wir waren DIE Attraktion am Strand: europäische Archäologen! Aber langsam sind wir es gewohnt, mit unseren kleinen Eigentümlichkeiten aufzufallen und haben es humorvoll hingenommen. Schließlich haben ja auch wir immer wieder unseren Spaß mit den fotowütigen Japanern, oder? Und schließlich habe ich meine erste frische Kokosnuss getrunken! Das wird wohl ab sofort mein Erfrischungsgetränk Nummer Eins sein, solange ich in Indien bin.

Den Sonntag haben wir noch mal an einem anderen Strand verbracht: Nagaon Beach ist ein Küstenabschnitt, in dem wie verrückt Kricket gespielt wird. Weit und breit konnte ich nichts anderes sehen als mit Steinen begrenzte Kricket-Felder und Spieler jeden Lebensalters. Die Inder sollen Kricket ja lieben – spätestens seit diesem Anblick bin auch ich davon überzeugt. Wir haben uns mal einen Spaß erlaubt und eine kleine Strandpferdekutsche für zehn Minuten gemietet. Und dann ging es durchs seichte Gewässer vorbei an allen Kricketfeldern und wieder zurück – bei wehendem Winde im Haar. Ich kam mir vor wie eine römische Feldherrin. Eigentlich hätte ich nur noch einen Arm imperialistisch in die Luft strecken müssen ...

25.2.08 16:45
 


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