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Laxmi-Road kreuz und quer

Endlich habe ich ihn gefunden: den orientalischen Markt, auf dem sich die Protagonisten eines Bollywood-Films immer das erste Mal tief in die Augen schauen dürfen. Es gibt ihn also auch im richtigen Leben. Von weitem sah der Markt aus wie ein riesiger Tempel – doch unter seinem Dach hatten Hunderte kleiner und großer Gemüse- und Obsthändler ihre Stände aufgebaut. Die Bananen wurden gerade frisch von einem brüchigen LKW geladen und entblättert. Kartoffeln wurden nach Größen sortiert, Gewürze nach Farben, Kokosnüsse nach ihrem Reifezustand - die Grünen zum Trinken, die Braunen zum Essen …

Ich hatte wieder richtig Spaß, all die unbekannten Früchte in meinen Händen zu drehen, zu beschnuppern und daneben stehende Hausfrauen bezüglich der Zubereitung auszufragen. Auch stecke ich irgendwie alles in den Mund, was mir von den Händlern entgegengestreckt wird. Manchmal stehe ich dann Sekunden später in einer Ecke und spucke alles wieder diskret aus. Manchmal aber kaufe ich auch eine Handvoll von den Kostproben und bin total froh, noch mehr Abwechslung in meinen Ernährungs- und Naschplan bringen zu können. Irene steht oft genug kopfschüttelnd neben mir. Aber ich kann’s nicht lassen. Sara oft auch nicht. Sie und ich haben auf dem Markt unsere Einkäufe für die gesamte nächste Woche erledigt und hätten uns am Ende zu gerne ein, zwei Packesel gemietet.

Da fällt mir ein, dass einige Händler auch einen (kostenfreien) Nach-Hause-Trag-Service anbieten. Vielleicht sollte ich den wirklich mal nutzen: einfach auf einen netten Verkäufer tippen und mit ihm nach Hause schlendern, ich mit beschwingt-leichtem Schritt, er sicherlich etwas schwerfälliger unter der Last meiner Einkaufstüten, aber immerhin hätte ich in den Abendstunden nach der Arbeit Begleitschutz und gleichzeitig die Gelegenheit, mein Überlebens-Marathi zu trainieren. Ja, das klingt gut. Vor allem wegen des Marathi-Trainings. Denn bisher bricht mein Umfeld häufig in lautes Gelächter aus, wenn ich meine auswendig gelernten Marathi-Floskeln zum Besten gebe. Selbst bei so einfachen Wörtern wie „Dhanyawad“ [„Dankeschön"] oder „Udya Bethu“ [„Bis morgen"] spüre ich immer wieder so etwas wie das Vibrieren eines unmittelbar bevorstehenden Losprustens in der Luft. Ich möchte nicht wissen, was dann so alles hinter meinem Rücken passiert. Entweder kommen meine Marathi-Wörter so unerwartet, dass ich meinen Gesprächspartnern immer so viel Freude bereite, oder meine Aussprache ist … ja, fürchterlich. Aber vielleicht sollte ich dem Ganzen gar nicht so genau auf den Grund gehen und einfach weiter für gute Stimmung sorgen.

Laxmi Road - religious accessoires

Den Samstag habe ich zum ersten Mal mit und bei einer Kollegin verbracht. Danashree und ich sind noch mal zu den Pataleshwar Caves von voriger Woche gegangen und haben uns im Schatten des großen Schlingel-Schlängel-Baumes bei kleinen indischen Snacks die Zeit vertrieben. Auch habe ich aus erster Hand den Tempel und die Riten erklärt bekommen. Der Tempelbesuch war dadurch noch mal ein ganz anderer als beim ersten Mal – viel intensiver. Ich habe mit Danashree mal alle Bräuche live mitgemacht: Glocke läuten, Verbeugung, Hand an die Tor hütende Kuh sowie auf die erste Treppenstufe zum Altar tippen, eine dreiviertel Runde links um den Altar und dann eine viertel Runde rechts herum drehen und schließlich einfach nur stilles Dastehen und Lauschen der Wassertropfen in der Traufe. Irgendwie war die Stille in der Altarhöhle sehr Frieden stiftend – ich bin tatsächlich glücklicher und ausgeglichener ins Tageslicht zurückgetreten.

Danashree hat mich dann auch in eine Riksha verfrachtet und ist mit mir zu sich nach Hause gefahren, wo ihre Mutter schon ein kleines Festmahl für den Gast hergerichtet hatte. Ich war das erste Mal in einer indischen Familie und etwas aufgeregt, weil ich in meinem Kulturschock-Buch so vieles gelesen hatte, was man nicht falsch machen sollte. Mein Kopf schwirrte vor all den Höflichkeitsregeln und Vorsichtsmaßnahmen gegen Fettnäpfchen. Doch letztendlich ist das alles unnötig gewesen. Ich habe schnell begriffen, dass man von mir nicht mehr erwartete, als ich selbst zu sein und die Einladung in vollem Umfang zu genießen. Und das tat ich denn auch. Ich bekam ein Achtgänge-Menü serviert, bei dem eine Mahlzeit oft leckerer war als die nächste. Danashrees Mutter hatte zudem eine wahre Freude daran, meinen Teller immer wieder voll zu füllen, um erst gar keine Lücke in meinem Delikatessenberg entstehen zu lassen. Die ganze Familie war zusammengetrommelt worden, um mich beim Ausprobieren der „echten indischen, hausgemachten Küche“ anzufeuern. Ich fühlte mich wie im Schlaraffenland.

Danach wurden mir die Hochzeitsfotos der großen Schwester von Danashree gezeigt. Die Mutter spielte etwas für mich auf ihrem kleinen Schifferklavier. Der Nachbar wollte mich zu seiner Antiquitäten-Sammlung entführen, konnte mich aber nicht freikaufen. Denn ich sollte die ganze Wohnung sehen und die indischen Accessoires samt Heimaltar erklärt bekommen. Auf dem Balkon wuchs eine Pflanze, die für besondere Anlässe ihre Blätter lassen muss, um sie mit einer Gewürzpaste zu füllen. Und so kam ich auch in den Genuss dieser Köstlichkeit. Die Familie tat wirklich alles für mich. Ich war am Ende einfach nur noch sprachlos ob dieser Selbstlosigkeit. Es war ein wunder-wunder-schöner Tag und sicherlich eine der bleibendsten Erinnerungen an Pune!


7.3.08 18:07
 


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