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Ram Ram Sa, Chokhi Dhani!

Wir nähern uns einem großen, schweren, dunklen Holztor, mit Stahlknöpfen versehen, und während wir es durchschreiten, setzt dahinter ein kräftiges Trommelspiel ein. Gleich kommt ein bunt gekleideter Mann mit Turban auf uns zugelaufen, legt die Hände vor der Brust zusammen und grüßt jeden von uns mit einem freudigen „Ram Ram Sa“, begleitet mit einem leichten Kopfnicken. Ein zweiter Mann kommt herbeigeeilt, mit einem Tablett voller Blumen und einem Schälchen mit roter Farbtunke. Ich bekomme meinen ersten Willkommens-Punkt zwischen die Augen gesetzt, seit ich in Indien bin. Die Begrüßungszeremonie ist vollbracht – Chokhi Dhani steht uns nun offen.

Chokhi Dhani ist ein nachgebautes rajastanisches Künstler- und Erlebnisdorf, nur 30 Riksha-Minuten von Pune entfernt. Bereits mit dem Anfahrtsweg lässt man die moderne Welt hinter sich. Es geht über einen einsamen Sand- und Kieselsteinweg – er ist so uneben, dass ich mit meinen 1,72 ständig gegen das Dach der Riksha stoße. Dabei können wir nur im Schritttempo fahren, um nicht zu riskieren, dass unser Fahrgestell auf drei Rädern einfach umkippt.

Spätestens mit der Eingangshalle zu Chokhi Dhani betreten wir dann eine andere Welt. Die Wände sind bunt bemalt, immer wieder finden sich wunderschöne Reliefs, die Alltagsszenen in einem Dorf darstellen oder die hohen Herrschaften auf ihren Kontroll- oder Reisewegen. Rechts im Raum bindet sich gerade ein Mann einen Turban aus einem gut zehn Meter langen Baumwollstoff – zwei Freunde müssen ihm helfen, um die lange Stoffschlange zu bändigen und in eine zahme, wohlgeordnete Kopfbedeckung zu verwandeln. Auf der linken Seite der Empfangshalle erstrecken sich kniehohe Lümmelcouches, in denen sich die Gäste von Chokhi Dhani erst einmal „von der langen Anreise erholen“ können – die Sitzflächen sind fast einen Meter breit, so dass ich bequem meine Beine hochnehmen, mich in die Kissen versenken und der traditionellen rajastanischen Musik lauschen kann.

Aber dann müssen wir doch weiter – die Neugierde treibt uns. Erneutes Trommeln setzt ein und ein Mann, als rotes Pferd verkleidet, tanzt um uns herum und begleitet uns auf dem Weg von der Eingangshalle zum zentralen Marktplatz. Dann sind wir uns selbst überlassen und wissen erst mal gar nicht, wohin wir als erstes gehen sollen. Wir entscheiden uns, vorerst alles abzuspazieren, um einen Überblick über die Größe und Vielfalt des Dorfes zu erhalten und dann die einzelnen, für uns interessanten Stationen näher zu erkunden. Vieles in der Dekoration des Dorfes ist sehr künstlich, das muss ich zugeben – aber irgendwann können Dinge auch so kitschig sein, dass sie wieder schön anzusehen sind. Und so geht es mir. Ich mag das Bunte überall, die allseits bemalten Mauern und Stände, die pompösen Kleider der Angestellten und Künstler. Manchmal fühle ich mich, als hätte mich die Illustration eines Kinderbuches aufgesogen – wie in der Unendlichen Geschichte oder im Tintenherz…

Erste Station unserer „märchenhaften“ Wanderung ist ein Puppenspieler mit seinem Musiker. Er führt kein einheitliches Stück auf, sondern „erzählt“ kleinere, voneinander unabhängige Episoden, … von einer unglücklich verliebten Bauchtänzerin, einem tapferen Krieger, einem streitenden Ehepaar etc. … alles Szenen, die sich zu unserem Glück auch ohne Worte gut darstellen lassen, solange sie von entsprechender Musik begleitet werden. Dann geht es weiter zu einer rajastanischen Tanzvorstellung – diese könnte wesentlich netter sein, wenn die Tänzerinnen ihre Choreographie nicht schon tausendmal aufgeführt hätten und sie nicht so sichtlich gelangweilt abspulen würden – als hätte jemand den Start-Knopf eines Videorecorders gedrückt. Aber was soll’s. Wir gucken uns alles bis zum Schluss an und ziehen dann weiter zu einem Magier. Der sitzt auf vier zusammengeschobenen Holztruhen, umgeben von seinen vielen kleinen Utensilien … und seine Zuschauer scharen sich in Händeschüttel-Reichweite auf Bastliegen um ihn. Es wurmt mich immer wieder, dass ich selbst bei so großer Nähe keinen der Tricks durchschauen kann. Auch wenn ich weiß, dass der Reiz einer Zaubershow ja darin besteht, überrascht, verblüfft oder gar fassungslos zu sein. Es folgen eine Artistik-Darbietung, Bogenschießen und, mein Höhepunkt des Tages, ein KAMELRITT!

Ich bin noch nie auf einem Kamel geritten und freue mich dementsprechend wie ein kleines Kind, als sich die Möglichkeit dazu in Aussicht stellt. Ohne langes Zögern schwinge ich mich auf den ersten Höcker und die Sara folgt mir, nicht weniger enthusiastisch, auf den zweiten. Und schon wellenreiten wir in 2 Meter Höhe stolz durch’s Gelände, mit einem breiten Honigkuchen-Gesicht. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie eifersüchtig ich nun auf Dich bin, lieber Weltenbummler-Heiko, dass Du in Australien sogar eine mehrstündige Tour auf diesen graziösen Tieren gemacht hast! Ich will das auch! Wenn ich schon eine Pferdehaar-Allergie habe, will ich wenigstens mal auf einem Kamel einen langen Ausritt machen. Das dürfte doch hier in Indien nicht schwieriger als in Australien sein, oder? Ich muss in Zukunft unbedingt die Augen offen halten.

Wer große Abenteuer erlebt, hat irgendwann auch großen Hunger. Deshalb bestellen wir zum Abschluss des Tages noch ein richtig traditionelles Menü aus Rajastan in einem richtig (nachgebauten) traditionellen Gasthaus aus Rajastan. Die Schuhe müssen draußen bleiben, denn die Gäste sitzen alle auf dem mit Teppichen ausgelegten Boden. Jeder hat sein eigenes, knöchelhohes Holztischchen vor sich zu stehen. Bevor wir aber an unseren Plätzen anlangen, müssen wir eine lange Reihe von Kellnern passieren, die sich uns nacheinander in den Weg stellen, uns mit „Ram Ram Sa“ begrüßen und erst zur Seite weichen, wenn wir sie ebenfalls mit Händen in Bet-Stellung und einem immer weniger scheu klingenden „Ram Ram“ zurückgrüßen.

Dann nehmen wir an kleinen rautenförmigen Fenstern Platz. Es wurden in der Zwischenzeit schon für jeden von uns ein Teller, so groß wie eine XXL-Pizza, und fünf kleine Schüsseln bereitgestellt – alle aus getrockneten Blättern, also biologisch abbaubar, damit der Abwasch nicht so aufwendig und der Müllberg hinterm Haus nicht zu hoch wird. Innerhalb weniger Sekunden sind wir wieder von einem halben Dutzend Bediensteten umgeben: einer schiebt uns kleine runde Hölzer unter die Knie, damit der Schneidersitz auf Dauer bequemer wird; der nächste stülpt uns Turbane über und versteckt darunter alle vorne heraushängenden Haare; zwei weitere Männer füllen unsere Gläser mit kühlem Wasser einerseits und mit Lassi andererseits; die restlichen Kellner sind damit beschäftigt, die fünf Schalen mit verschiedensten Gerichten zu füllen. Schließlich ist der XXL-Teller dran: Und ich erlebe das Entstehen meines bisher schönsten Thalis. Ein Thali ist so was ähnliches wie ein „Hier kriegst Du alles, was unsere Küche zu bieten hat, auf einem einzigen Essplatz serviert, in kleinen Portionen, damit Du von jedem Gericht mal etwas kosten kannst“ … In hausgemachter Form hatte ich ein (etwas kleineres) Thali schon mal letzte Woche in der Familie von Dhanashree, falls Ihr Euch erinnert. … Aber ich denke, ich muss Euch einfach mal ein Foto zeigen, denn keine Worte können so richtig die Ausmaße unseres „Festessens“ beschreiben wie ein Bild.

Während des großen Essens tänzeln die Kellner um uns herum und füllen die Schüsseln nach, als wären unsere Mägen Löcher, wo alles nur so durchrutscht. Wer protestiert und sich herauszureden versucht, dass er satt sei und einfach nicht mehr essen KÖNNE, ist schnurrstracks in eine laute Diskussion verwickelt: „Wie? Jetzt schon satt? Du hast doch kaum was gegessen! Komm schon! Hab Dich nicht so! So gutes Essen siehst Du bestimmt für eine ganze Weile nicht mehr! …“ Und so werden wir gemästet, bis wir kaum noch hinter unsere Tischchen passen. Und selbst als wirklicht nichts mehr zu gehen scheint, macht der Oberkellner noch mal eine Runde und füttert jeden Gast per Löffel mit einem „allerletzten“ Happs – dem Brauch zufolge hat der Gast einen Wunsch frei, wenn ihm der Gastgeber einen letzten vollen Löffel in den Mund schiebt … oder zwei … oder drei, wenn man nicht unglücklich genug dreinschaut … Es ist toll! Wir genießen es, hier zu sein!

Wer gerne mal virtuell auf unseren Pfaden wandeln möchte, kann mal reinschauen in: http://www.chokhidhanipune.com. Oder auf meine Fotos warten ;-)

17.3.08 15:18
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Eilika (11.4.08 15:32)
So, nach langer Zeit mal wieder in Ruhe in Deinem Blog gelesen, liebste Conny! Klingt toll!! Macht mich richtig neidisch...
War schön, neulich mal mit Dir zu telefonieren!! Ich freu mich schon, Dich bald mal wieder live zu hören und auf ganz viele ganz ausführliche Berichte!
Und ich bin beeindruckt von den Photos! Also sowohl von den Bildern an sich als auch davon, dass Du sie hier reingekriegt hast *grins*
Fühl Dich mal ganz feste gedrückt!!
Ganz liebe Grüße aus Leipzig
Eilika

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