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Mein Indisches Come Back

Seit langer Zeit hatte ich heute mal wieder einen richtigen indischen Sonntag verbracht. Den Morgen habe ich mit einer ausführlichen Interpretation der fünf Tibeter begonnen, umsprenkelt mit ein paar anderen Yoga-Übungen. Dann gab es einen frisch aufgebrühten Taj Mahal Schwarztee mit einer kleinen Packung Tiger-Kekse. Und gegen zehn Uhr habe ich mich schließlich in die Riksha gesetzt in Richtung Shanivarvada. Dort konnte ich mich noch ein wenig in der Sonne wärmen, bevor mich die Jyotsna mit dem Moped abgeholt hat. Kreuz und quer durch's Gassengewimmel ging es dann zu ihr nach Hause, denn ihre Eltern hatten mich zum Mittagbrot eingeladen, um endlich mal die verrückte deutsche Kollegin ihrer Tochter kennenzulernen. Und es war toll!

Als ich im Januar nach Indien kam, hatte ich insgeheim gehofft, genau so zu wohnen wie Jyotsnas Familie. Das Mehrfamilienhaus ist nur über einen vier Meter breiten Sandweg erreichbar, weit entfernt von der Hauptverkehrsstraße. Vor dem Grundstück ist ein kleiner Basketballplatz, auf dem Kinder herumtoben können. Die anderen drei Seiten des Hauses sind von anderen zwei- bis dreistöckigen Wohnhäusern umgeben. Wenn man will, kann man sich aus dem Fenster lehnen und seinen Nachbarn zuwinken. Wenn man nicht will, kann man im Sichtschutz der Bäume und Sträucher vor sich her trudeln. Einige Gewächse, die überall zwischendrin wachsen und ein zwitscherndes Zuhause für Vögel bieten, hatte ich noch nie zuvor gesehen, so z.B. den Baum der Jackfruit, eine lustige Gurken-Stachel-Frucht. Bei Jyotsna ist alles so schön grün und die Luft ist so viel klarer als in der versmogten Innenstadt ... oder auch bei uns im modernen Viman Nagar. Und man fühlt sich wahrscheinlich nie allein, weil die Wohnungstüren zum Treppenhaus hin häufig offen stehen ... wie in einer großen WG - als Einladung zum Plausch unter Nachbarn.

Wie gewohnt durfte ich erst einmal im Eingangszimmer Platz nehmen. Das ist der erste Raum, den ein Gast in einer indischen Wohnung sieht, und meist auch der einzige für die nächsten ein, zwei Stunden. Wie auch schon bei anderen Kollegen, die mich eingeladen hatten, stand hier eine reich mit Kissen bedeckte Lümmelcouch. Als Gast durfte ich es mir darauf schön bequem machen, umrahmt von meinen Gastgebern. Ständig wurde mir Wasser nachgeschenkt und ein kleiner süßer oder herzhafter Snack als Überbrückung bis zum Mittagessen gereicht. Von draußen konnten wir die spielenden Kinder, bellende Hunde und klapperndes Kochgeschirr hören. Ein bißchen wie zu Hause.
 
Nach den üblichen Small Talks über "My first time in India", "Where does your father work" etc. wurden dann die Fotoalben herausgekramt, darunter auch welche vom letzten Urlaub in Kerala. Sollte ich noch einmal nach Indien kommen, was ich doch sehr starkt hoffe, dann werde ich hoffentlich auch ein paar Tage in Kerala verbringen können. Schon Arundhati Roy hat mich mit ihrem "Gott der kleinen Dinge" auf diesen indischen Bundesstaat neugierig gemacht. Nachdem ich nun auch noch all die wundervollen Landschaftsbilder gesehen habe, wird ein persönlicher Besuch immer mehr zur Herzensangelegenheit ... 

Den Fotos folgten Videoaufnahmen, für die extra der Laptop des Onkels herbeigeschafft worden war. Und ich lernte meine kleine, unscheinbare Jyotsna von einer ganz neuen Seite kennen: in den Filmaufnahmen entpuppte sie sich als hervorragende, liebreizende Tänzerin. Sie hat mir zwei ihrer Aufführungen gezeigt, in denen sie selbst nordindischen Kathak tanzte, während ihre Cousine parallel dazu den südindischen Tanz Bharatnatyam aufführte. Und so wurden zwei ganz verschiedene Tanzstile in einem Musikstück vereint. Der eine, Kathak, ist weich und verführerisch. Der andere, Bharatnatyam, in dem ich selbst auch mal zwei Wochen Unterricht genommen hatte, ist kraftvoll und akurat. Ich war echt beeindruckt ob der Perfektion, die man nach frühestens acht langen Lehrjahren erreichen kann, wie mir Jyotsna schnaufend anvertraute. 

Und dann war das Essen fertig, von einer Heinzel-Mutti in der Küche zubereitet. Auf dem Boden wurden Sitztücher ausgebreitet und Metallteller in unterschiedlichsten Größen gedeckt. Jyotsna verschwand immer wieder in der Küche, um mit einem Topf oder einem Becherchen wieder aufzutauchen und die Spezialitäten löffelweise auf die Gedecke zu verteilen, bis ein leckerer Thali entstanden war: mit Turmeric-Reis, Kokos, Koriander, Ghee, verschiedenen Chutnis und Gemüsezubereitungen und natürlich auch Chapatis. Als letzte "Tischdekoration" malte Jyotsna noch an jeden Sitzplatz mit Sand eine kleine bunte Blume auf die Bodenfliesen - eine Kunst, die als Rangoli bezeichnet wird und die man in Indien sehr häufig an den Eingängen von Häusern und Tempeln findet.

 

Es war köstlich! Natürlich. Das wird keinen von Euch überraschen. Ich bin wirklich etwas traurig, dass ich es in sechs Monaten nicht geschafft habe, indische Gerichte zu lernen. Wie gerne würde ich all die leckeren Sachen nachkochen können, um mir in nostalgischen Momenten in Leipzig ein Stück Indien reproduzieren zu können. Zumindest bin ich im Besitz eines dicken, schweren Kochbuches ... Mal sehen, was ich davon alles umsetzen kann ... und vor allem welche Zutaten in Leipzig für mich erhältlich sind. Schon jetzt bin ich mitten in der Planung meines Gewürzschmuggels nach Deutschland.

Nach dem Mittagessen haben wir uns mit der Amruta zum Kino getroffen. Ich weiß nicht, was mich manchmal reitet, aber ich wollte unbedingt einen richtigen indischen Film sehen, gleichgültig ob er nun in Englisch, Marathi oder Hindi ist. Unsere Wahl fiel auf den in der Presse sehr gut besprochenen Film "Sanai Chaughade", eine sozialkritische Tragikomödie über arrangierte Hochzeiten in Maharashtra. Und nun die Überraschung: ich habe tatsächlich fast alles verstanden. Auf das indische Kino ist Verlass: dank der stark ausgeprägten Mimik und Gestik indischer Schauspieler, dank des äußerst theatralischen Einsatzes von Musik, aber auch dank der Invasion der englischen Sprache in indische Muttersprachen war es für mich leichter als gedacht, der Handlung zu folgen. Lediglich an zwei Stellen brauchte ich die Hilfe meiner beiden hochqualifizierten Übersetzerfreunde.

Wer im Kino war, setzt sich danach meist noch gerne zusammen, um den Film zu besprechen. Das ist in Pune nicht anders als in Leipzig. Und so sind wir mit dem Moped ein paar Straßenzüge weiter zu einer super leckeren Eisdiele zum Cad-M-Essen gefahren. Cad-M ist eine Art Milchshake mit geschmolzenem Speiseeis und in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Ich habe mich natürlich für die Schokoladenvariante mit ganz viel frisch geriebenen Schokoladensplittern entschieden - ein Traum von einer Sünde! Eine echte Konkurrenz für mein Mango-Mastani! 

Ein Verdauungsspaziergang führte uns am Mutha-River vorbei. Auf seinen Brücken sitzen am Abend die Liebespärchen auf den Bordsteinkanten, versteckt hinter ihren Motorrädern, die hervorragenden Sichtschutz gegen die misstrauischen Blicke der "Alten" bieten. Wir haben uns zwischen sie gesetzt und uns die Zeit bis zum nächsten Höhepunkt des Tages vertrieben: eine Tanzaufführung, die traditionellen indischen Tanz mit der Moderne verbindet - in Indien immer noch sehr, sehr selten.

Im ersten Teil wurden hauptsächlich konventionelle Bharatnatyam-Stücke über Rama und Krishna aufgeführt - und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen, was für mich ganz neu war, die ich bisher nur Frauen habe tanzen sehen. Der zweite Teil dann war eher moderner Ausdruckstanz, der sich auch mit modernen Themen beschäftigte ... und das war wiederum für Jyotsna eine ganz neue Erfahrung. Besonders beeindruckt hat mich das letzte Stück, die tänzerische Umsetzung des Schicksals, als siamesischer Zwilling zu leben. Ich habe den Tanz als Kunstform bisher wirklich unterschätzt und verspreche Besserung!
22.6.08 21:06
 


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